Brief an einen Freund

Vor wenigen Monaten habe ich Dich auf allen meinen Kanälen blockiert. Mail, Telefonnummer und was es sonst noch so gibt. Ich hatte es Dir nicht angekündigt, auch nicht im Vorhinein informiert. Es war ein harmloses Video, welches Du mir über WhatsApp zugesendet hast, was mich so agieren ließ.

Lieber „Ernst“,

nun werde ich hier ein paar Jahrzehnte Geschichte von uns, auch wenn nur kurz, reflektieren. Immerhin zeigt es mir, dass Du mir nicht egal bist. Wie auch immer.

Vor wenigen Monaten habe ich Dich auf allen meinen Kanälen blockiert. Mail, Telefonnummer und was es sonst noch so gibt. Ich hatte es Dir nicht angekündigt, auch nicht im Vorhinein informiert. Es war ein harmloses Video, welches Du mir über WhatsApp zugesendet hast, was mich so agieren ließ.

Wie kam das alles?

Mein Gott: Wir kennen uns seit den 90er Jahren. Ein gemeinsamer Freund hatte uns gegenseitig vorgestellt. Schnell waren wir auf einer Wellenlänge. Du machtest damals eine Weiterbildung zum Mentaltrainer. Ich hatte bereits NLP Erfahrung. Damit hatten wir eine enorme Schnittmenge.

In den Jahren danach wurde die Freundschaft immer intensiver. Ich zog mit meiner damaligen Freundin, heutigen Ehefrau, nach „Stadt Deiner Wahl“; Du wohntest in der Nähe und wir feierten viel. Wir renovierten Deine und unsere Wohnungen. Wir standen uns bei, in unseren persönlichen Problemen. Nachdem Dein Vater gestorben war, war auch immer Dein problematisches Verhältnis zu Deiner Mutter ein großes Thema. Ich vertrat von jeher die These, dass Du vor diesem Konflikt immer weiter flüchten wolltest. Ich hatte meine persönlichen Krisen. Und Du warst immer da für mich.

Ich erinnere mich noch, als ich meine Panikattacken hatte. Ich war froh, dass diese irgendwann einfach so gingen. Ich habe nie herausbekommen, warum diese kamen, oder warum diese einfach gingen. Ich machte mir viel Gedanken über dieses Thema und welche Relevanz dies zu meiner Vergangenheit haben könnte. Viele Jahre später hattest Du mit selbst Angstattacken zu tun. Und ich und meine Frau waren für Dich da. Ich hatte stets die These, dass diese mit Deiner Familiengeschichte zu tun gehabt haben; das war für Dich nur schwer akzeptabel und zumindest medizinisch hattest Du ja irgendwann die „Gewissheit“, dass es etwas Körperliches gewesen sei. Vielleicht hatte ich unrecht; aber irgendwie warst Du wohl auch sehr froh, dass es nichts „Psychisches“ gewesen sein konnte / durfte. Ich empfand es seinerzeit als seltsam, dass jemand mit Deiner Vorbildung und Einstellung, den auch psychischen Aspekten solcher Probleme, so gesperrt gegenüber ist.

Ich erinnere mich aber auch an unsere gemeinsamen Thailandaufenthalte. Nie werde ich vergessen, wie Du mich und meine Familie damals dort begrüßt hast. Der Getränkekühler war voll mit leckeren Sachen. Nach den ersten Bieren nahmst Du mich beiseite und hast mich nach Deinen damaligen Beziehungsproblemen befragt. Tolle Abende in der Rock-Bar und in den Touristengebieten folgten. Zweimal warst Du dort. Einmal über einen Zeitraum von 8 Wochen. Meine Güte war ich neidisch. 8 Wochen allein auf Abenteuertour in Thailand: frei! Du hattest Kontakt dort zu meinem Onkel Günter und Ihr habt euch angefreundet. Er spricht noch heute davon. Obwohl ich schon seit über 20 Jahren alle 2-4 Jahre nach Thailand reise, hast Du doch viel mehr von diesem Land gesehen und dort erlebt als ich.

Du gingst irgendwann nach „Deppendorf“. Ich erinnere ich noch gut, als wir gemeinsam Deine Eigentumswohnung elektrotechnisch kernsaniert haben. Das war viel Arbeit und machte Spaß. Als Du damals frisch in Düsseldorf wohntest, hattest Du nach 2015 einen Flüchtling bei Dir aufgenommen. Ich war sehr beeindruckt, auch wenn ich das nie so ausgedrückt hatte.

Eine große Gemeinsamkeit waren stets spirituelle Themen. Wir beschäftigten uns, oft sehr unterschiedlich, mit Spiritualität, Religion, Meditation, Mentaltraining, Psychologie, Esoterik, Träumen, Remote Control, Geistreisen, Reiki und sehr vielem mehr. Wir hypnotisierten uns gegenseitig, probierten psychologische Techniken aus, machten Aufstellungen, meditierten gemeinsam, hörten binaurale Beats an und philosophierten.

Irgendwann hatte ich den Eindruck, dass Du immer mehr, alles Mögliche in Deinem Leben ausschließlich über ebendiese Theorien zu erklären versuchtest. Interessant fand ich dabei stets, dass dies eigentlich ein Wesenszug war, den Du eher Deiner Mutter zugeschrieben hattest. Vielleicht auf eine andere Art und Weise!

Dann warst Du begeistert von diesem „Transformalen Netz“. Du warst in Gruppen aktiv. Ich war dem gegenüber immer offen. Ich habe Gruppentreffen mitgemacht, um eine Meinung haben zu können; wenn auch nicht Deine Meinung teilend. Ich habe Bücher meist zumindest angelesen, von denen Du wolltest, dass ich diese lese. Ich habe mich über Autoren informiert, die für Dich interessant waren. Auch wenn Du mit meinen Erkenntnissen seltenst konform gingst. Alles in allem war ich zumindest offen, für Deine Quellen. Meine Autoren hast Du dagegen nicht gelesen. Es war Dir „zu hoch“, zu kompliziert und am Ende hast Du es zu Deiner „Lügenpresse“ subsumiert. Alles in Allem komme ich für mich zu dem Schluss, dass Du ganz eindeutig viel weniger tolerant meinen Themen gegenüber warst als ich den Deinen.

Dann hattest Du irgendwann die Idee, auszuwandern. Dieser Gedanke hatte mich immer sehr gespalten. Es gab da eine Seite in mir, die sehr neidisch war. Ein Leben aufzugeben, und ein neues Leben anzufangen, toll. Ein Gedanke, den ich mir, mit einer Familie, nicht leisten wollte / konnte. Dass Du Dich für ein südamerikanisches Land entschieden hattest, konnte ich so gar nicht nachvollziehen. Deine Erlebnisse in Deinen Urlauben dort, machten dieses Land, zumindest für mich, nicht attraktiv. Ich (Wir) hatten unsere Schnittmenge doch schon eher immer in asiatischen Regionen. Auch wusste ich, dass die Wahrscheinlichkeit, Dich dort zu besuchen, sehr gering für mich ist. Du kennst die Gründe: Sehr langer Anfahrtsweg, kein wirklicher Urlaub für mich und meine Familie, kein Meer in unmittelbarer Nähe, wenig Jahresurlaub für einen durchschnittlich Angestellten.

Aber dann passierte etwas, was unsere Beziehung anscheinend sehr veränderte: Corona! Von Dir konfrontiert fand ich mich auf einmal mit extremsten Verschwörungstheorien konfrontiert. Die Diskussionen zwischen uns brachten mich an die Grenzen meiner Akzeptanz.

Man mag an die Auswirkungen von Corona glauben oder nicht. Bis zu einem gewissen Grad war ich stets bereit, darüber zu diskutieren. Aber es gab auch Grenzen. Auch wenn Du das Wort „Lügenpresse“ nie mir gegenüber benutzt hattest, schwang es doch eindeutig immer mit. Dass Du sogar bereit warst, unser gesamtes wissenschaftliches System ebendieser „Lügenpresse“ zu unterwerfen, war für mich schon schwieriger zu akzeptieren. Aber die letzte Grenze war eigentlich erreicht, als ich das Gefühl hatte, Deine Nähe zu nationalsozialistischem Denken würde immer enger. Ich erinnere mich vor allem an unserem Disput darüber, ob man das Wort „Rasse“ aus dem Grundgesetz streichen sollte, oder nicht. Du vertratst die Meinung, dass doch ein offensichtlicher Unterschied zwischen mir und einem farbigen / schwarzen Menschen bestehen würde; und ob ich das nicht anerkennen muss.

Und dann gingst Du für mich immer mehr in Richtung sehr abstruser Gedanken. Du schienst mit Q-Anon zu sympathisieren. Etwas, was ich nur schwer im Bereich meines Realistischen integrieren konnte. Du machtest Andeutungen in Richtung bestimmter Vorhersagen, die bisher nicht eintraten. Peinlich genug, dass mich das sehr an die Zeugen Jehovas erinnerte, die auch schon seit 20 Jahren den Untergang der Menschheit prophezeiten. Aber was ist davon passiert? Jenseits sehr weiter Interpretationen, NICHTS? Mein Gott: Du schickst mir Videos von schwarzen Menschen, die rassistisch sind, um zu beweisen, dass es keinen Rassismus gibt? Du suchst Dir doch auch nur aus, welchem Teil Deiner „Lügenpresse“ Du glauben willst.

Warum war das so prägend für mich? Weil ich Dich früher als jemanden kannte, der Gemeinsamkeiten suchte. Und jetzt habe ich es mit jemanden zu tun, der auf Unterschiede fokussiert!

Und es folgten Deinerseits die üblichen populistischen Themen: Die böse Merkel, die illegal alle Ausländer ins Land lässt! Dass im Gegensatz zu Dir alle anderen „Corona Aufbläher“ sind! Dass Farbige eine andere Rasse sind und das Wort Rasse nur „böse“ ist, weil es eben durch die deutsche Vergangenheit geprägt ist! Und immer wieder angedeutet: Dass es eine Weltverschwörung der Juden gibt, weil die die Finanzwirtschaft kontrollieren. Du hast sogar die Judenvergasung im Dritten Reich in Zweifel gezogen.

Das alles ist so sträflich undifferenziert! Du willst nicht, dass „böse“ über die Deutschen gesprochen wird. Über Deine Thesen zu Deutschland als GmbH, sprichst Du indirekt über ein Deutsches Reich! Aber in Deiner Argumentation scherst Du andere Nationen, Völker und Kulturen „über einen Kamm“: Die Juden, die Aufbläher, die Moslems, usf, usf. Das macht Dich absolut zu einem Rassisten!! Auch wenn Du dies anders siehst.

Ich kann nicht verstehen, wo der tolerante und intelligente Mensch ist, den ich einst kennen gelernt hatte. Ich kann nicht verstehen, wo mein Freund geblieben ist. Du magst annehmen, dass „Du Dich lediglich weiterentwickelt hast“. Ich denke, dass Du, ohne es zu wissen, Dich in einem „vor-aufklärerischem Zeitalter“ zurück entwickelt hast. Und Du bist genauso wie die „Spaziergänger“, die immer von friedlichen Demonstrationen sprechen. Du hattest von einer Deiner Demos das Grundgesetz als Büchlein mitgebracht; wolltest es mir aber nicht schenken. Du demonstriertest dagegen, dass Du hier keine Meinungsfreiheit mehr haben dürftest – durftes aber demonstrieren. Ein Widerspruch. Aber wie alle anderen warst Du nicht bereit, Dich gegen die Nazis abzugrenzen, die mit Dir mitmarschierten! Warum eigentlich? Was war so schwierig daran zu sagen, wir demonstrieren hier aus unseren Gründen, aber die gehören nicht zu uns. Ich befürchte, weil Du ein Rassist geworden bist.

Ich hatte Dir irgendwann mehrfach vermittelt: Lasse uns nicht mehr über bestimmte Themen sprechen; dann kann unsere Freundschaft bestehen. Dies war Dir stets schwergefallen. Aber dass Du bei WhatsApp-Austauschen, selbst über Privates und meine Familie, es nicht sein lassen konntest, immer wieder sinnlose und billige Videos über Coronathemen zu teilen, brach meine Grenze.

Ich habe einen Freund verloren! 50% habe ich diesen Freund aufgegeben! 50% ist er von mir gegangen.

Meine Kanäle bleiben blockiert! Du bist der erste, der dies bei mir erreicht hat. Und das, obwohl, oder vielleicht genau deshalb, Du mir sehr Nahe bist.

PS: Im Januar 2022 lasse ich mich boostern! Dann werde ich sicherlich wieder einen guten GPS Empfang haben!

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