Schwurbler

Vor ein paar Jahren war ich mit einem Blog und ein paar wenigen Artikeln auf der Plattform zeitgeist-online.de aktiv. Zeitweise gehörte ich sogar zum sogenannten Redaktionsteam, zumindest auf dem Papier. Aktuell habe ich den Redakteur gebeten, alle meine Beiträge und meinen Blog zu löschen. Gründe waren min. zwei Onlineartikel, die zwar von sich behaupten, keine Verschwörungstheorien zu sein, meines Erachtens jedoch etwas anderes bei Lesern auslösen. Hier also nutze ich diesen Artikel, um etwas über sogenannte Verschwörungstheorien zu schreiben.

„Zwangsgeimpft – und kein Mensch mehr“ lautet die Überschrift eines dieser Artikel. Die promovierte Soziologin und habilitierte Politikwissenschaftlerin Claudia von Werlhof gibt hier ihren Ängsten Raum, dass wir, vor allem durch die Coronakrise, entmenschlicht werden sollen. Sie vertritt die Meinung, dass alle bisherigen Coronamaßnahmen unter dem Motto, „Wir sind Menschen und keine Maschinen“, zusammen gefasst werden können. Weiter glaubt sie, „Wir sollen möglichst nichts füreinander fühlen, nichts Eigenes denken oder gar sagen, nicht spontan handeln, schon gar nicht miteinander singen, turnen und tanzen oder gar gemeinsam aufstehen, uns nicht nahekommen, uns vor allem nicht berühren und uns möglichst aus dem Weg gehen. Die Alten sollen wir allein lassen, und den Kindern einimpfen, dass sie eine Lebensgefahr für Oma und Opa sind, damit auch sie schon lernen, wie das ist als Maschine, also jedenfalls ohne Mitgefühl.“ Ja – das behauptet sie einfach so.

Das einzige Gefühl, dass wir noch fühlen dürfen sei die Angst vor dem Virus. Tatsächlich jedoch zeichnet sie im weiteren Verlaufe ihres Artikels eine derart düstere Zukunft, vor der wir alle eine Höllenangst haben sollten. Nun verbleibt es im ganzen Artikel leider ausschließlich bei „MEINUNG“. Keine Belege, keine Studien, keine Beweise, nicht einmal eine halbwegs logisch aufeinander aufbauende Argumentationskette – wie so oft wird einfach behauptet, aber nicht belegt. Leider wird auch nicht deutlich gemacht, dass es sich explizit um Meinung handelt. Stattdessen wird hier der Eindruck einer (Pseudo)Wissenschaftlichkeit erzeugt. Ausgehend von den Veröffentlichungserfahrungen einer Frau Prof. Dr. gehe ich davon aus, dass dies auch bewusst so gewollt sein muss.

Nun, nicht jede Veröffentlichung muss wissenschaftlichen Kriterien genügen. Es wird ja schon seine Gründe haben, diesen Artikel in einer Onlinezeitschrift zu veröffentlichen, anstatt es für ein Fachpublikum aufzubereiten. Eine Zeitschrift, die sich als alternatives Medium betrachtet, was grundsätzlich auch gar nicht falsch ist. Aber hier ist eine Grundstruktur zu erkennen, die von vielen Verschwörungstheoretikern und alternativen Medien häufig benutzt wird:

Es wird zunächst so etwas ähnliches wie eine Grundthese aufgestellt, die weder beweisbar, noch unbeweisbar ist. Diese These wird durch tolle Titel und wissenschaftliche Errungenschaften, hier der Autorin, glaubhafter gemacht; und im Folgenden werden Konsequenzen aus dieser These gezogen, wobei hier nicht mehr auf eine mutmaßlich Richtigkeit einer solchen These eingegangen wird.

Vor Jahren gab es einmal ein Onlinebuch zum Thema Hypnose, in dem ironisch und beispielhaft solche Mechanismen der Sprache beschrieben wurden. Da wurde zunächst die These aufgestellt, dass alle Bartträger böse und falsche Menschen seien, und im weiteren Verlauf die Konsequenzen aufgezeigt. Dadurch bekam das Ganze eine interessante Redundanz, bei der man die grundsätzlich falsche Logik überhaupt nicht mehr in Frage stellte.

Dabei werden dann im oben genannten Artikel jede Menge Prämissen gesellschaftlicher Probleme beschrieben, die es wohl tatsächlich so gibt. Jedoch wird wieder ein direkter Bezug zu den (einfach mal so behaupteten) Grundthesen hergestellt. „Es gehe [bei der Coronakrise] grundsätzlich um Geld.“ Die Pharmaindustrie wird hier genannt. Es gehe um die Vorantreibung des technischen Fortschritts.

Tragisch ist dabei, dass es tatsächlich eines der größten Probleme unserer Menschheit ist, dass der Wert des Geldes, scheinbar den Wert des Menschen überflügelt hat. Meines Erachtens ein kapitalistisches Grundproblem. Eine hierzu geführte Diskussion fing jedoch nicht erst mit dem an, was die Autorin als Transhumanismus bezeichnet, sondern damit, dass Marx vorausgesagt hat, dass der Mensch über den Kapitalismus entmenschlicht wird.

Die Autorin behauptet, dass das permanente Hinweisen auf die „Coronagefahr“ den Zweck erfüllt, uns freiwillig in Gefangenschaft zu begeben und alles mögliche mit uns machen zu lassen. An dieser Stelle findet überhaupt keine Auseinandersetzung mehr darüber statt, ob dieses Coronavirus nun gefährlicher als eine Grippe ist. Dies wäre jedoch eine Kerndiskussion, von der u.a. abhängt, ob fast alles andere im Artikel beschriebe seinen völligen Sinn verliert. Ganz im Gegenteil schwingt im Artikel die ganze Zeit, teils direkt teils indirekt, die Behauptung mit, dass der Coronavirus völlig ungefährlich sei. Gerade indem dies nicht mehr diskutiert wird, wird der Artikel zu einer bewussten Manipulationsmaschine und damit geradezu zu dem, was er [anderen] unterstellt.

Natürlich gibt in unserer westlichen Gesellschaft maßgebliche Ungerechtigkeiten. Die Themen Gleichberechtigung, Rassismus, Zeitarbeit, Ökonomisierung des Sozialbereiches, Abbau des Mittelstandes, Einfluss des Geldes auf die Politik, Kindesmißbrauch, Bildungsungleichheit, fehlende Chancengleichheit – die Liste könnte sehr lang werden. Ich denke jedoch, dass dies systemimmanente Ursachen hat und benötige dafür keine Verschwörung. Die Annahme einer bewussten Verschwörung hinter den Problemen der Menschheit, spielt meines Erachtens leider nur denen in die Karten, die entweder schon von diesen Ungerechtigkeiten profitieren, oder denjenigen, die sich gerne an deren Stellen setzen möchten. Und eine der Gruppen, die ich hier sehe, sind die Rechten.

Ich werde müßig, auf alle Details eines so schlecht belegten populistischen Artikels einzugehen. Aus diesem Grund ein paar exemplarische Beispiele:

  • Dass Menschen, die ein Körperteil verloren haben von der Medizin eine Prothese bekommen, wird im Artikel so dargestellt, dass „die“ uns zu Maschinen machen wollen!
  • Dass langjährig erprobte Medikamente dennoch nach vielen Jahren Schwächen aufweisen können, gar schädlich sind, wird hier als Nutzlosigkeit und Gefährlichkeit ALLER solcher Medikamente und Impfstoffe dargestellt!
  • Das generelle Problem des Lobbyismus und der Parteienfinanzierung, wird hier exemplarisch für die Bösheit des Bill Gates herangezogen!
  • Die Probleme, die sich aus dem Fortschritt der Computertechnologie ergeben (Angels Fear – G. Bateson), wird hier als Beleg dafür genommen, dass man uns Menschen unter dem Stichwort der 4. industriellen Revolution zu Maschinen machen möchte.
  • Dass prominente Virologen unterschiedlicher Meinung sind, wird nicht als natürlicher wissenschaftlicher Diskurs begriffen, sondern als Beleg dafür gesehen, dass wir alle betrogen werden.

Und wie alle solche Verschwörungstheorien, werden hier keine produktiven Lösungen angeboten. Hier wird ausschließlich Angst gemacht, und das ist wohl auch der Zweck dieses Artikels. Hier wird mal wieder jemand (die Autorin) nicht mit der Komplexität unserer Welt fertig. Dann müssen eben stattdessen Schuldige gefunden werden, weil das ja auch viel einfacher ist. Und die Gefahren der Radikalisierung, so wie sie bei Attila Hildmann stattfindet, wird durch solch einen Artikel deutlich gesteigert. Der Sprung dahin, Juden für alles verantwortlich zu machen, wieder nach dem starken Mann zu rufen, die AFD zu wählen, ist leider nur sehr gering.

Dabei bietet diese Krise enormes Potential für Lösungen, für ein besser nach der Krise. Wir sehen jetzt durch diese Krise nochmals deutlicher, an welchen Stellen unsere Gesellschaft die schwächsten Glieder hat. Notwendig wären eine Verschiebung unserer Werte, weg von einer reinen ökonomischen Betrachtung hin zu einer mehr humanistischen. Dem freien Markt gemeinwohlorientierte Grenzen setzen. Staaten unabhängiger vom Kapital machen. Reformationen unseres Bildungssystems, alleine schon deswegen, damit nicht so unqualifizierte Artikel zustande kommen. Soziale Dienstleistungen dem freien Markt entziehen. Lobbyregister einführen. Und eine stärkere Trennung der Forschung von der Wirtschaft.

Ähnliches können wir bei Ken FM beobachten. Eines seiner Videos aus den letzten drei Monaten ging viral. Es wurden viele Behauptungen aufgestellt, die durch mutmaßliche Quellenangaben belegt wurden. Leider stellte sich heraus, dass der liebe Ken aus den selber angegebenen Quellen, falsche Informationen heraus zog. Laut einem meiner „Schwurbler“-Freunde muss er sich später dafür korrigiert haben. Jenes Video aber ging wohl nicht viral und ich hatte keine Geduld mehr, danach zu suchen. Immer wieder dasselbe Prinzip: Ich behaupte einfach mehr oder weniger willkürlich irgendetwas, setze irgendwelche Missstände zusammenhanglos in Beziehung! Werde ich widerlegt heisst es: Lügenpresse, oder dass anders geartete Meinungen vom Mainstream unterdrückt werden. Klappt das alles nicht, dann „kann man dies eben nicht mit rationaler Logik verstehen“ – das ist dann die quasispirituelle Argumentation. Wir alle, die wir diesen V-Theoretikern nicht glauben wollen, sind Schlafschafe und Coronaaufbläher.

Zurück zum Artikel: So einem kleinen Blogger, wie ich das bin, hätte ich noch wegen vermeintlicher Unwissenheit verzeihen können, so einen Unfug zu schreiben. Einer Dipl.-Volkswirtin, Promotion im Fach Soziologie, Habilitation in Politikwissenschaften, wissenschaftliche Assistentin für Entwicklungsplanung und -politik, Gastprofessorin an verschiedenen in- und ausländischen Hochschulen dann nicht mehr. Hier steckt Strategie dahinter (ups, jetzt bin ich der Verschwörungstheoretiker).

Dass wir unfreie Menschen sind, beispielsweise, stimmt ja. Wie Fritz Simon schreibt, können wir uns nicht aussuchen, ob wir an einer roten Ampel stehenbleiben müssen oder nicht. Das ist schon ist eine Einschränkung der Freiheit. Wir können uns nicht selber aussuchen, ob der Arzt, der uns operiert, eine Maske trägt. Wir dürfen nicht mitbestimmen, ob wir im PKW den Sicherheitsgurt anlegen. Wir können nicht entscheiden, ob man innerorts 100km/h fahren darf oder nicht. Wir können nicht aussuchen, ob unsere Kinder zur Schule gehen. Aber was soll mit einer Unterdrückung meiner Grundrechte zu tun haben???

Coronavirus: Niemand dieser Schreiberlinge sagt etwas dazu, ob unsere niedrigen Zahlen im Vergleich mit anderen Ländern, etwas mit unseren Lockdownmaßnahmen zu tun haben. Ständig wird bemängelt, dass die meisten Coronatoten doch erhebliche Vorerkrankungen hatten, oder deutlich älter waren. Beim Vergleich mit der Grippe jedoch, wird dies nicht getan. Wie viele der 25.000 Grippetoten 2018 hatten welche Vorerkrankungen? Erstickten diese armen Menschen auch so erbärmlich, wie ein an Corona Erkrankter? Da werden absolute Zahlen verschiedener Länder gegenüber gestellt, ohne diese in Relation, zum Beispiel zur entsprechenden Gesamtbevölkerung, zu sehen. Ein Beispiel:

„Coronatote in Deutschland Stand 10.07.2020 ca. 9000!“

„Coronatote in Schweden Stand 10.07.2020 ca. 5500!“

Also ungefähr etwas mehr als die Hälfte? Aber wie sieht es mit dem Verhältnis zu den Bevölkerungsanzahlen aus? Deutschland hat ca. 80.000.000 Einwohner. Schweden hat ca. 10.230.000 Einwohner – also nur ein Viertel. Also wenn ich nun die „Coronatoten in Deutschland durch 4 teile, dann hätten wir 2250, also ungefähr die Hälfte im Vergleich zu Schweden. Deutschland hat Einschränkungen getätigt, Schweden nicht. Aber mal ehrlich, auch diese (meine) Statistik ist nicht wirklich vergleichbar. Man müßte noch den Altersdurchschnitt, die jeweiligen Raten der Vorkrankheiten, etc. mit einbeziehen.

Aber egal, ich bin kein Wissenschaftler. Warum rege ich mich so auf? Weil ich der Meinung bin, dass wir mehr als genug Probleme haben. Die Stimmung ist ohnehin schon aufgeheizt. Teilweise ist dies verständlich. Viele Menschen sind von Politik enttäuscht. Es gibt bestimmt viel zu kritisieren in Deutschland, sowie dem Rest der Welt. Solche Artikel heizen diese Stimmung weiter an. Sie werden als quasiwissenschaftliche Begründung der radikalisierten Szenen herhalten. Nachdem recht schnell aufgefallen war, wieviel rechte Gesinnung in der Widerstand2020 Bewegung vorhanden war und wie mit den Anmeldungszahlen innerhalb dieser „Partei“ gespielt wurde, da hat man sich nicht von den Rechten distanziert; da hat man nicht die eigene Position transparent dargestellt; da hat man lediglich die Homepage mit schöneren Wörtern gespickt und die Mainstreammedien als böse verurteilt.

Wo sind die Menschen auf den CoronaDemos, die uns ganz klar vermitteln, dass sie sich von Nazis distanzieren? Das würde nicht weh tun, schließlich ist dieser Zusammenhang ja nicht willkürlich. Auch rechte Schwurbler laufen da mit. Da reicht es meines Erachtens nicht aus zu sagen, dass man „ja keinen Einfluss darauf hat, wer sich da anschließt…“. Die Medienstrategien der AFD wurden hier vorbildlich übernommen: Die benutzen offensichtlichen Nazijargon, Merkel würde von Duktus sprechen, und sagen anschliessend: „Wir sind keine Nazis!“ Leider kenne ich persönlich Menschen, die bei farbigen Menschen von „Schokos“ sprechen; Chinesen sind die Gelben; merken aber gar nicht, dass es nicht um Worte geht. Es geht darum, von „die da, die anderen“ zu sprechen. Mit mir wurde schon diskutiert, warum ich denn ein Problem mit dem Wort „Rasse“ hätte. Ich müßte mir doch eingestehen, dass „die da“ ganz offensichtlich anders als ich seien. Auf den Esoterikseminaren wird dann für die Einheit der Erde meditiert, aber scheinbar bleibt es wichtig, dass „die da“ anders sind als wir.

Ich habe erstmal fertig.

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