Ideologie und Gartenbau

Metaphern sind probates Mittel um bestimmte Aspekte zu verdeutlichen. Metaphern machen aber nur Sinn, wenn sie vor oder nach ihrer Darlegung in einen Kontext eingebettet werden. Im Folgenden sind unterschiedliche Kontexte denkbar, wobei der Titel dieses Beitrages mit dem Wort „Ideologie“ im Grunde auch schon einen Kontext vorgibt.

Mein Nachbar hat mittlerweile eine fast zweijährige „Sanierung“ seines Gartens hinter sich. Zuerst war es nur eine Undichtigkeit seiner Kellerwände. Also Graben ums Haus herum; trocken legen; neue Abdichtung und Isolierung; dabei ging leider auch eine Teil des Gartens „flöten“. Fährt man ständig mit Kleinbaggern über einen solchen Rasen, nimmt der es einem schon mal übel. An diesem Punkt kann ich auch entscheiden, den Rasen gleich komplett neu anzulegen.

Etwas komplett neu zu überarbeiten gibt mir die Chance, es von vornherein so richtig richtig zu machen. Mein eigener Rasen ist über all sehr uneben. Da gibt es Hügel und Senken. Außen herum habe ich keinerlei Beete. Dies führt dazu dass eine andere Nachbarin mich permanent anspricht, dass mein Rasen wieder unansehnlich zu ihr herüber wachse.

Mein Nachbar planierte also die Fläche, an der künftig sein Rasen wachsen soll. Alles ist jetzt schön eben. Man spricht auch von einem „Wimbledonrasen“. Diesen fasste er zusätzlich mit Steinen ein. Sieht alles ganz schön aus.

Ich habe das Problem, dass ich beim Mähen meines Rasens mindestens am Rand einen gewissen Abstand nicht mähen kann. Dieser Abstand entspricht der Breite der Räder des Rasenmähers und auch noch ein paar Zentimeter des Gehäuses. Da muss ich dann mit einer Schere dran, was mir immer mal Blasen verschafft..

Mein Nachbar hat aber auch nach der Sanierung seines Gartens ähnliche Probleme. So eine Einfassung mag auf dem ersten Blick sinnvoll erscheinen, jedoch kann er mit seinem Rasenmäher entweder direkt an die Steineinfassung heran – dann mäht er immer noch nicht den ganzen Rasen; oder mit den Rädern des Rasenmähers auf die Steine – dann liegt der Rasenmäher jedoch höher und mäht auch nicht ganz genau kurz.

Mit Ideologien scheinen mir solch kleine Problemchen auch gegeben. Wie mit Europa zum Beispiel. Da versucht man sich etwas neu aufzubauen. Man kann natürlich nicht gänzlich alles abreißen. Somit ist man gezwungen, immer etwas vom Alten zu übernehmen. Man denkt sich neue Einfassungen aus und entdeckt erst wenn diese gebaut sind, dass man dieselben Probleme wie zuvor hat. Man kann sich im Vorhinein so viele kluge Gedanken machen, wie man möchte; aber es wird nachher wieder Probleme geben: alte oder neue.

Auch kann man der Natur nicht einfach willkürliche Grenzen setzen. Das Gras wächst dann doch irgendwie, wie es will. Sind diese von mir gezogenen Grenzen zu starr, stirbt der Rasen, oder sucht sich neue und andere Wege, diese Grenzen zu übergehen.

Und gestern Abend schaute ich mir den Rasen meines Nachbarn an und stellte fest: Das sieht doch sehr schön aus! Ordentlich, abgegrenzt. Danach schaute ich mir meinen Rasen an: Hügelig, ein wenig auswuchernd und das Gras unterschiedlich hoch gewachsen. Hier spielen meine Kinder!

Metaphern: Beziehe ich meine Metapher auf Europa? Auf Ideologien? Oder einfach nur auf meinen Rasen? Falls Sie sich wirklich die Mühe machen, mehr darin zu sehen, als es auf den ersten Blick erscheint, haben Sie etwas über sich selbst erfahren, aber kaum etwas über mich.

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