bewusst – unbewusst – bewusst – unbewusst

Sozialpädagoge: „Ich gehe davon aus, dass während du diesen Text hier liest, jede Menge Sachen in Dir passieren. Sowohl bewusst, wie auch unbewusst. Etwas anderes anzunehmen wäre blöder Sinn. Natürlich atmest du weiter, auch wenn dir dies nicht bewusst war, bevor ich darauf hingewiesen habe. Natürlich hörst du irgendwie die Geräusche deiner Umgebung, auch wenn es dir erst auffiel, als ich dies bemerkt habe.“

Das Verhältnis dieser beiden kuriosen “Zustände” in uns, ist eigentlich sehr verworren. Und wie immer, werden Sie in diesem Text wahrscheinlich keine Antworten von mir erhalten.

Anscheinend nimmt unser Gehirn eine große Menge von Reizen aus seiner Umgebung auf; eine Menge mehr, als uns zu einem gegebenen Zeitpunkt bewusst sind. Aus diesen Reizen ramscht unser Gehirn sich Informationen (Unterschiede, Werte, Hypothesen, Motorik, usw.) zusammen. Man könnte also sagen, da uns ein Großteil dieser Reize, oder später dieser Informationen, zu einem Zeitpunkt x nicht bewusst sind/waren, müssen diese also unbewusst (gewesen) sein.

Ist Ihnen eigentlich bewusst, wie viel Sie unbewusst wahrnehmen? Nein? Vielleicht ist Ihnen ja eher unbewusst, wie viel Reize Sie bewusst nicht aufnehmen, weil Ihnen diese unbewusst sind.

Ist es eigentlich wirklich sinnvoll, die Unterscheidung bewusst/unbewusst zu nutzen? Nun, in Gesprächen kann dies sehr sinnvoll sein:

“Hey, du bist mir gerade auf den Fuß getreten!” – “Oh, sorry, das war mir gar nicht bewusst!”

Damit kann man sich echt retten. Oft ein beliebter Satz von Psychoanalytikern, die sich mit dem Unterbewusstsein bekanntlich am besten auskennen:

“Merken Sie nicht, dass Sie unbewusst gegen die Therapie arbeiten?”

War er eigentlich ein bewusster Raucher?

Damit kann man sich sehr effektiv vor der eigenen Verantwortung schützen. Ein sehr gefährliches Gefühl, falls dabei überhaupt Gefühle im Spiel sind. Da ergibt sich geradezu die Frage, ob auch das Ich, oder das Bewusstsein nicht vom Unbewussten erschaffen sein müsste; oder ist dies eine eigene Instanz in meinem Gehirn? (Wobei es möglicherweise frech erscheint, dass ich an dieser Stelle die Begriffe “Ich” und “Bewusstsein” hier synonym verwende.)

Mal angenommen, dass Bewusstsein sei vom Unbewussten erschaffen; dann gäbe es doch sicherlich einen Sinn, dass es dies getan hat. Übertrieben gesprochen wird ja das Bewusstsein bei Erickson oder bei Bandler als ziemlich dumm hin gestellt (ganz im Unterschied zu Sigmund). Denn das Bewusstsein ist es ja, welches die Probleme erzeugt. Somit ist dann auch die Strategie mancher NLPler, Hypnotisöre, sogar mancher Systemiker die, dass Bewusstsein zu umgehen, um direkt mit dem Unbewussten zu kommunizieren.

Wäre es da nicht schlauer, das Bewusstsein ganz weg zu machen, anstatt immer nur an einzelnen Problemen herum zu doktern, welche doch nur aufgrund dieses begrenzten Bewusstsein bestehen?

Vielleicht liegt eine der vielen Lösungen darin, sich gar nicht erst auf diese bewusst/unbewusst Dichotomie einzulassen! Wahrscheinlich ist das Problem dabei einfach nur die Sprache, die wir verwenden. Vielleicht sind diese Begriffe einfach nicht angemessen. Viele Autoren haben ja die unterschiedlichsten Begriffe eingeführt, um ein pragmatisches Veränderungsmodell zu unterstützen. Nur ein paar Beispiele an dieser Stelle:

  • Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich, Kind-Ich (Eric Berne)
  • kognitives Selbst, somatisches Selbst (Stephen Gilligan)
  • Ich, Es, Überich (Freud)
  • Körper, Seele, Geist (ein Hoffnungsvoller)

Vielleicht wäre es auch sinnvoll, die Diskussion über “wer ist der Mächtigere?“, „Bewusstsein oder Unbewusstsein?“ zu vermeiden, denn vielleicht ist dies gar nicht wichtig. Oder, wenn man soweit ist, den Kampfgedanken ganz aufzugeben, hat man vielleicht genau den wichtigen Schritt in der eigenen Entwicklung vollzogen.

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