Es ist wieder so weit. Das Thermometer kratzt an der 32-Grad-Marke, die Luft steht, und das Land befindet sich im kollektiven Ausnahmezustand. Wenn man heute durch die Büros streift oder den Kollegen lauscht, könnte man meinen, eine Naturkatastrophe epischen Ausmaßes stünde bevor. Es wird geächzt, gejammert und jeder Schweißtropfen fast schon bürokratisch dokumentiert. Die Hitze, so hört man an jeder Ecke, sei einfach „unerträglich“.
Ich sitze währenddessen draußen im Garten – zugegeben, sehr pragmatisch in Unterhose – und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
Während um mich herum die Republik unter der typisch deutschen Schwüle leidet, läuft in meinem Kopf ein ganz anderer Film ab. Für mich ist diese drückende, warme Tropenluft kein Störfaktor im durchgetakteten Alltag. Sie ist ein mentaler Anker. Ein Auslöser, der mich mit dem ersten Atemzug flugs dreißig Jahre zurückversetzt und quer über den Globus katapultiert.
Direkt auf meine absolute Traum-Heimat: Koh Samui.
Analog, naiv, frei – 1997
Wenn ich heute die Augen schließe, rieche ich wieder die feuchte, üppige Dschungelluft der späten 90er. Damals, 1997, als junger Student, bin ich das erste Mal auf der Insel gelandet. Ohne Smartphone, ohne Google Maps, ohne durchoptimierten Urlaubsplan. Mein ganzer Kompass bestand aus dem Rat eines Freundes: „Flieg nach Bangkok, nimm ein Taxi zur Khao San Road, buch ein Ticket in den Süden – der Rest ergibt sich.“
Und es ergab sich. Nach einer ratternden Fahrt im Nachtzug und der alten Autofähre stand ich in Nathon. Völlig naiv versuchte ich damals, mich zu einer Art Einwohnermeldeamt durchzufragen, um einen ein Jahr zuvor ausgewanderten Onkel zu suchen. Digitale Spuren? Fehlanzeige. Auswandern hieß damals noch: wirklich weg sein.
Die thailändischen Beamten verstanden natürlich nur Bahnhof. Also ging es mit dem Pickup-Taxi weiter nach Chaweng, ab in die Bungalows direkt am Strand und die Nächte im legendären, damals nach einem Brand gerade frisch wiederaufgebauten Reggae Pub verbringen.
Wer das heutige Chaweng kennt – mit seinen breiten Straßen, Sportplätzen und Hotelburgen –, kann sich kaum vorstellen, wie viel rohe, ungezähmte Freiheit damals in der Luft lag. In der riesigen, halboffenen Holzhalle des Pubs zog der Wind direkt vom Chaweng-See durch die Tanzfläche. Es war magisch.
Das wahre Glück abseits der Ringstraße
Die wahre Essenz der Insel entdeckte ich jedoch erst Jahre später, als ich mit meiner heutigen Frau wiederkam. Sie war anfangs skeptisch – Thailand klang ihr viel zu exotisch. Doch mein Onkel hatte mittlerweile eine Basis am Lipa Noi Strand im ruhigen Westen der Insel. Er stattete uns mit Rollern aus, und ab diesem Moment begriff ich erst, was Freiheit wirklich bedeutet.
Es war nicht die große Geste, die uns prägte, sondern das Fehlen jeder Eile. Abseits der hektischen Ringstraße, vorbei an den Kokosnuss-Plantagen und hoch in die dichten Wälder der Berge, lag das echte Samui. Unser Alltag bestand darin, von Strand zu Strand zu treiben, Tempel zu entdecken und an jenen kleinen, urigen Holzbuden am Straßenrand haltzumachen, die wir liebevoll „Trinkhallen“ nannten.
Diese Hütten waren Verkaufsraum und familiäres Wohnzimmer zugleich. Zu zwei oder drei Seiten offen, lief im Hintergrund der Fernseher, während der Hausherr seelenruhig im Schatten auf einer Holzbank ein Nickerchen hielt – das pure Sabai Sabai, die thailändische Gelassenheit. Man sprach kein Wort Englisch. Man legte seine Einkäufe auf den Tresen, bekam wortlos das Display eines Taschenrechners mit dem Preis in Baht entgegenstreckt, lächelte sich an und verstand sich blind. Genau diese Szenen waren es, die mir zeigten: Verständigung braucht keine Worte, nur Zeit.
Ein bisschen „Sabai Sabai“ für den Niederrhein
Ein guter Freund sagte einmal zu mir: „Ich bin zwar im richtigen Körper, aber im falschen Land.“
Dieses nomadische Heimweh trägt man für immer in sich, wenn man diese Welt einmal aufgesaugt hat. Aber an Tagen wie heute, wenn das Wetterradar die nächste Gewitterfront ankündigt und die Luft vor Hitze flirrt, hole ich mir dieses Land einfach ein Stück weit zurück.
Während die anderen gegen die Temperaturen ankämpfen, nehme ich sie einfach an. Ich schalte meine innere Uhr um auf das Tempo der alten thailändischen Trinkhallen. Beine hoch, die Tropenluft einsaugen und die Gelassenheit spüren. Uns fehlt hier am Niederrhein im Grunde kein kühleres Wetter – uns fehlt nur viel öfter ein bisschen mehr Sabai Sabai.