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Liebesaffäre mit der Gerechtigkeit

Ein Sonntagmorgen, ein Kabarettbeitrag – und die Frage, die danach nicht mehr geht.

Liebesaffäre mit der Gerechtigkeit

Ich sitze an einem Sonntagmorgen mit meinem Kaffee und schaue mir einen Kabarettbeitrag über das Bedingungslose Grundeinkommen an. Witzig. Pointiert. Und dann bleibt eine Frage hängen, die nicht mehr weggehen will: Könnte das eigentlich gehen?

Nicht als politische Analyse. Nicht als akademische Übung. Sondern als echte Frage eines Menschen, dem das Geld am Monatsende knapp wird – obwohl er gut verdient. Der zwei Kinder großzieht, eine Frau ohne eigenes Einkommen hat, und sich in zehn Jahren eine Rente erhofft, die ihm wahrscheinlich nicht so ausgezahlt wird, wie sie ihm versprochen wurde. Der jeden Tag in einem System arbeitet, das er für strukturell ungerecht hält – und das er trotzdem jeden Tag mitfinanziert.

Ich bin Sozialpädagoge. Ich arbeite bei einem freien Wohlfahrtsverband. Ich bin kein Ökonom, kein Politikwissenschaftler, kein Systemarchitekt.

Und trotzdem hat mich diese Frage an diesem Sonntag nicht losgelassen.


Das Problem ist keine Seite, die ich loswerden will

Gunther Schmidt beschreibt in seinem Werk eine Idee, die ich für eine der klügsten halte, die ich in der systemischen Arbeit kennengelernt habe: Probleme sind keine Fehler im System. Sie sind Seiten in uns, die etwas wollen. Etwas Gutes. Etwas Wertschätzendes. Und der entscheidende Schritt ist nicht, sie loszuwerden – sondern mit ihnen in Beziehung zu treten.

Meine Unzufriedenheit mit dem System ist so eine Seite.

Sie will nicht jammern. Sie will Gerechtigkeit. Sie will eine Gesellschaft, in der das, was du gibst, auch mit dem übereinstimmt, was du bekommst. Sie will, dass Pflege, Sozialarbeit, Erziehung – also die Arbeit, die das soziale Gewebe zusammenhält – nicht strukturell abgewertet wird gegenüber Berufen, die historisch gewachsene Privilegien genießen.

Sie will, dass meine Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, in der sie nicht von Anfang an auf verlorenem Posten stehen.

Diese Seite ist keine politische Haltung. Sie ist ein Bedürfnis. Und an diesem Sonntag habe ich ihr zum ersten Mal wirklich zugehört – anstatt sie wegzudenken mit dem Satz: Das wird eh nie passieren.


Was entsteht, wenn man aufhört, die Frage für unerlaubt zu halten

Ich habe an diesem Tag ein langes Gespräch mit einer KI geführt. Zuerst mit Gemini, dann mit ChatGPT, dann mit Claude. Nicht weil ich Antworten gesucht habe. Sondern weil ich Denkraum gesucht habe.

Und was dann passierte, hat mich selbst überrascht.

Aus der Frage „Ist das BGE finanzierbar?“ wurde die Frage „Warum zahlen eigentlich nicht alle in die Sozialversicherung ein?“ Aus der Frage nach Steuern wurde eine über Kirchenprivilegien, die seit Napoleon bestehen und die der Verfassungsauftrag eigentlich seit über hundert Jahren abzulösen verlangt. Aus der Frage nach Parlamentsreform wurde eine über das systemische Konsensieren als Alternative zur Mehrheitsabstimmung – ein Verfahren, das nicht fragt, wer gewinnt, sondern wo der geringste kollektive Widerstand liegt.

Irgendwann hatte ich ein Vier-Säulen-Modell vor mir: Parlamentsreform. Infrastruktursäuberung. Gleitender Transformationspfad. Anthropologische Absicherung.

Ich bin kein Experte für diese Dinge. Aber ich habe aufgehört zu fragen, ob ich berechtigt bin, sie zu denken.

Und das hat etwas verändert.


Der Schmerz der Möglichkeit

Hier ist das, was ich nicht erwartet hatte: Es hat mich nicht besser fühlen lassen.

Es hat mich trauriger gemacht.

Weil sichtbar wurde, was ich eigentlich schon wusste: Eine andere Gesellschaft ist denkbar. Logisch gestaltbar. Nicht morgen, nicht per Knopfdruck, aber als evolutionärer Prozess über eine Generation hinweg – durchaus realistisch.

Und trotzdem wird sie nicht kommen. Nicht weil sie unmöglich ist. Sondern weil die, die entscheiden, keinen Anreiz haben, das System zu verändern, von dem sie profitieren. Weil der Mittelstand keine vergleichbare Lobby hat wie die Beamtenverbände, die PKV oder die Kirchen. Weil Reformen immer dann kommen, wenn der Schmerz des Status quo größer wird als die Angst vor dem Neuen – und dieser Punkt noch nicht erreicht ist.

Das ist keine Resignation. Es ist Trauerarbeit. Und Trauerarbeit, das habe ich in der systemischen Arbeit gelernt, ist keine Schwäche. Sie ist der Anfang von etwas.


Eine Einladung, keine Antwort

Dieses Modell, das an diesem Sonntag entstanden ist, ist unfertig. Es braucht Menschen, die kompetenter sind als ich. Ökonomen, die die Finanzierungsmodelle durchrechnen. Politikwissenschaftler, die die institutionellen Mechanismen kennen. Sozialrechtler, die die verfassungsrechtlichen Grenzen kennen. Und Menschen aus der Praxis der sozialen Arbeit, die wissen, was es bedeutet, wenn Bürokratie nicht mehr zwischen dir und deiner eigentlichen Arbeit steht.

Ich kann das nicht leisten. Aber ich kann die Frage stellen.

Und die lautet nicht: Funktioniert das BGE?

Die lautet: In was für einer Gesellschaft möchten wir leben – und trauen wir uns, das wirklich zu denken?

Gunther Schmidt nennt das eine Liebesaffäre zwischen Problem und Lösung. Problem und Lösung brauchen einander. Sie definieren sich gegenseitig. Sie lassen nicht voneinander los.

Vielleicht ist das die ehrlichste Beschreibung von dem, was ich an diesem Sonntag erlebt habe. Keine Lösung. Keine Utopie. Sondern eine Affäre mit der Frage, wie Gerechtigkeit aussehen könnte – in einer Gesellschaft, für die ich brennen könnte.

Die Affäre hat gerade erst begonnen.