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NLPt als Psychotherapie?

Jede (autonome) Zelle überlebt nur, weil sie in der Lage ist, sich von ihrem Umfeld, von ihrem Kontext abzugrenzen. Die Auflösung dieser Grenzen, bedeutet den Tod dieser Zelle - den Tot der "autopoitischen Einheit". Auch jede wissenschaftliche Disziplin muss sich von schon Vorhandenem abgrenzen, da wir diese sonst nicht von anderen Richtungen unterscheiden könnten.

Der menschliche Wahrnehmungsapparat kann keine Dinge an sich wahrnehmen, sondern nur Unterschiede. Mit dem NLP ist es vielleicht sogar ganz besonders so. In meiner Wahrnehmung wissenschaftlicher Systeme und vor allem psychotherapeutischer Richtungen, nimmt das NLP eine ganz besondere, eine sehr stiefmütterliche Position ein. Wahr ist, wie es auch aus einem Artikel hervor geht, dass das gesamte psychotherapeutische Feld dem NLP sehr viel zu verdanken hat; und dass dies in den wenigsten Richtungen auch nur ansatzweise wertgeschätzt wird. Verantwortlich mögen dafür die Persönlichkeiten der Entwickler selber, die kontroverse Art Richard Bandler’s, aber auch ganz besonders die unglaublich schnelle Kommerzialisierung im wirtschaftlichen Feld sein. Wenn man aus dem NLP ein einheitliches und in sich konsistentes Modell machen möchte, das möglicherweise sogar als psychotherapeutische Methode Akzeptanz finden könnte, reichen meines Erachtens die Vorschläge von Lucas Derks aus obig verlinktem Artikel alleine nicht aus. Zunächst hat man jedoch mit Problemen des wissenschaftlichen Feldes zu tun und der Überlegung, ob man sich den dort geltenden Normen unterwerfen möchte. Die sozialen Wissenschaften in Deutschland sind mittlerweile dem Quantifizierungswahn verfallen. Jede Methode, die sich etablieren möchte, muss sich diesen Kriterien unterstellen. Dabei scheint es mir mehr als erstaunlich, dass gerade das NLP sich nicht in diesem Bereich etablieren konnte. Gibt es doch keine andere Theorie, welche regelrechte Bedienungsanleitungen hervorbrachte. Eine Bedienungsanleitung im Umgang mit Menschen ist eine praktische Sache, falls man diese lediglich als "Faustformel" begreift und nicht jedem Individuum überstülpen will. Dies ist meine persönliche Kritik gegenüber den NLPlern: Die Technik steht weit vor dem Subjekt im Vordergrund. Das ist auch meine Kritik an der Modelingmethode des NLP, auch wenn ich die Denkweise die dahinter steht, mehr als bemerkenswert finde. Wer entscheidet, wer ein Genie ist? Wann genau sind "Ergebnisse" nachhaltig? Nach der Therapie? 6 Wochen später? 6 Jahre später? Und welches Kosten/Nutzenverhältnis muss bestehen.

In meiner Wahrnehmung musste Erickson so etwas ähnliches gemeint haben, als er sagte: "Die NLPler glauben, sie hätten mein Wissen in einer Nussschale. Aber sie haben nur die Schale."

Der Umgang mit dem Wort Technik ist es, der in einem evolutionsfähigen NLP reformiert werden muss! Und das ist schwierig, weil das NLP so sehr darauf aufbaut! Die NLPler waren es nicht alleine, die der Welt die Kommunikation mit dem unbewussten geschenkt hatten. Viele andere Entwickler jenseits des NLP haben dieses Geschenk, das u.a. von Erickson kam, aus seiner Arbeit weiterentwickelt und weiterverschenkt. Es gibt Dinge, die zeitgleich von unterschiedlichen Menschen entdeckt werden können. Eine erwünschte Weiterentwicklung liegt meines Erachtens in der Reintegration mit systemischen und kybernetischen Denkweisen; so wie dies Gunther Schmidt gelungen ist. Das "Krankenhaus" in dem das NLP zur Welt kam, war auch zeitgleich eines der wichtigen Nester für die kybernetischen Denkweisen. Bateson wirkte dort, und auf ihn berufen sich viele NLPler gerne, ohne jedoch zu erwähnen, wie enttäuscht und ablehnend dieser dem NLP letztendlich gegenüber stand. Ein weiteres reformationswürdiges Thema im NLP, ist der Begriff des Ankerns. Das Modell des Ankerns ist eine sehr schmerzhafte Ohrfeige für die damalige Verhaltenstherapie gewesen. Jene war jedoch mehr als gut etabliert und ich persönlich hege den Verdacht, dass aus dieser Richtung der Eingang des NLP in den wissenschaftlichen Kontext verhindert wurde. Das Ankern impliziert für Viele einen kontradiktorischen Gegenpunkt zu kybernetischen Denkweisen. Auf eine Art und Weise ist Ankern die Krönung eines atomistischen Weltbildes. Ohne Zweifel: man muss das Ankern nicht zwangsläufig so betrachten; aber schauen Sie sich doch einmal die vielen Internetseiten von NLP (aber auch Hypnose) -anbietern an; und schauen Sie einmal danach, wie Bandler seine Arbeit oft darstellt. Auf diese Weise hat der Umgang mit dem Begriff des Ankers, das NLP von seinen kybernetischen Ursprüngen entwurzelt und führt teilweise sogar die Bevorzugung des Prozesses gegenüber dem Inhalt ad absurdum. Um eine anerkannte und etablierungsfähige psychotherapeutische Richtung Namens NLP zu begründen, muss man ein Modell einer Persönlichkeit vorlegen können. Ein sehr schöner Versuch ist die auch im Artikel erwähnte NLPt. Liest man jedoch das Hauptwerk (Theorie und Praxis der Neuro-Linguistischen Psychotherapie, Peter Schütz, Siegrid Schneider-Sommer, Brigitte Gross), kommt man auch hier nicht umhin, einen Flickenteppich zu erkennen, der in offensichtlich nachträglicher Weise gepatchworked wurde. Dies muss nicht per se schlecht sein, ist jedoch auch nicht notwendig. Zur Entstehungszeit gab es bereits ein Fundament, bestehend aus passenden Ideologien, Netzwerken, Personen und Ideen – welche nutzbar gewesen wären. Schaut man sich in Deutschland die drei großen anerkannten Richtungen an: Tiefenpsychologie (Psychoanalyse weiter entwickelt), Verhaltenstherapie (meist kognitiv) und Systemtherapie (besser als systemische Denkweise definiert), kommt eigentlich nur die Letztgenannte in Frage, weil zumindest teilweise, Entstehungszeit und -ort nicht so weit vom NLP entfernt waren. Schaut man sich einen Großteil der Interventionstechniken in der systemischen Therapie an, so findet man, dass die meisten ihren Ursprung bei Milton Erickson haben. Somit haben Sys und NLP schon mal einen gleichen Großvater. Ich selber bin weder ein NLP Entwickler, noch bin ich ein NLP Trainer. Was erdreiste ich mich eigentlich eine Meinung darüber zu haben? Warum schreibe ich dies nun, wo Sie sich doch möglicherweise gar nicht dafür interessieren? Weil das, was ich zu wissen glaube, nicht unabhängig von mir selbst existiert! Und dies ist es, was dem NLP fehlt; eine Rückkoppelung auf sich selber und den Anspruch aufzugeben, objektiv zu sein. Dies unterscheidet das NLP in keinster Weise von vielen der halbwegs anerkannten Therapierichtungen; vom aktuellen medizinischen Mainstream erst gar nicht zu sprechen; und von vielen NLPlern, die behaupten das Gegenteil zu tun, aber doch das Gegenteil vom gegenteil tun. Dies war einmal eines größten Geschenke des NLP, und die Entwickler haben es leider nicht geschafft, dies radikal auf sich selber anzuwenden:

"Wir möchten heraus bekommen was die Leute tatsächlich tun, und nicht, was sie glauben zu tun!"

Nach all den Worten glauben Sie es vielleicht nicht, aber ich bin irgendwie NLPler! Vor einiger Zeit habe ich mich von Lucas coachen lassen. Das war ein tolles Erlebnis, das mir zu verschiedenen Veränderungen verholfen hat, ich aber trotzdem einigermaßen derselbe bleiben konnte; wieder so etwas, was den „NLP Großmäulern“ oft fehlt. Er "schenkte" mir den oben erwähnten von ihm geschrieben Artikel. Und da ich selber gerne schreibe und übersetze, schenkte ich ihm diese Übersetzung einfach zurück. Quellen: http://www.socialpanorama.com/international/ https://www.amazon.com/Origins-Neuro-Linguistic-Programming-Grinder/dp/1845908589/ref=sr_1_4?ie=UTF8&qid=1490099211&sr=8-4&keywords=john+grinder+nlp https://selbstorganisationsentwicklung.de/selbstorganisation/artikel/   Nachwort: Vor wenigen Jahren übersetzte ich einen Artikel von Lucas Derks über damals aktuelle Entwicklungen im Bereich des NLP. Zusätzlich zur Übersetzung schrieb ich ein Nachwort. In etwas veränderter Version lesen Sie nun dieses Nachwort als eigenständigen Artikel.

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