Medien & Wirk-lichkeit
Die Medien gelten gemeinhin als vierte Kraft neben der Legislative, der Judikative und der Exekutive. Aber ist dies heute noch genauso, wie in der Vergangenheit? Medien sind heute mehr denn je auch Wirtschaftsunternehmen, die (a) (wirtschaftlich) überleben müssen und (b) Gewinn maximieren möchten (müssen?). Können also moderne Medienunternehmen in der Ausübung ihrer Aufgaben noch neutral sein?
Medien, also Zeitungen, Fernsehen, Radio, Social Media, Internetblogs und viele mehr, haben von jeher ein großes Problem: Sie müssen hart um den Wahrheits- und Objektivitätsbegriff ringen und sie müssen darum ringen, irgendwie als "objektiv" anerkannt, oder wahrgenommen zu werden. Wenn der Leser (Konsument) nicht halbwegs von einer solchen Objektivität ausgehen kann, wird es ihm an Vertrauen mangeln. Mangelt es ihm an Vertrauen, gibt er kein Geld für das jeweilige Medium aus; bzw. "besucht" er das jeweilige Medium nicht mehr - was Auswirkungen auf die Sponsoren hat, auf diejenigen, welche in einem Medium "Anzeigen" kostenpflichtig schalten. Sei es die Anzeige in der Lokalpresse, die Google Werbung auf Internetportalen, die Werbespots zwischen den Fernsehsendungen und Serien.
Systemisch gesehen hat jegliches (Medien) System als allererstes die Selbsterhaltung zu organisieren und nach dem reinen Überleben, kommt die (Weiter) Entwicklung. Unter Weiterentwicklung kann man Verschiedenes verstehen: Die Verbesserung der Qualität und oder die Steigerung des Profits. Beides geht manchmal Hand in Hand, oder manchmal auch gegenläufig.
Darüber hinaus muss jedes System den homöostatischen Spagat meistern. Damit ist gemeint: Ein jegliches System muss auf der einen Seite "starr" sein, um verläßliche Strukturen zu produzieren, und auf der anderen Seite flexibel genug, um sich einer stetig verändernden Umwelt anpassen zu können.
Nun, dass bisher, ich gebe zu, eher abstrakt Beschriebene, gilt im Grunde für alles: eine einzelne Zelle bis hin zu einer hochkomplexen Organisation. Aber das Hauptgeschäft von Medienunternehmen ist der Begriff der Information! Und hier fangen die Probleme an, denen sich am liebsten kaum jemand stellen möchte.
Was ist eigentlich eine Information?
Also, nur mal zur Vorsicht: Falls irgendjemand an dieser Stelle glaubt, er könnte im weiteren Text eine genaue Definition erfahren, höre direkt besser komplett auf zu lesen.
Nach Gregory Bateson ist "eine Information ein Unterschied, der einen Unterschied macht"! Da das wahrscheinlich kaum jemand deuten kann, der sich nicht in Bateson Werk eingelesen hat, möchte ich dieses Thema eher umkreisen und hierzu unterschiedliche Kontexte bebeispielen.
Von Foerster "wusste" bereits, dass "Wahrheit die Erfindung eines Lügners ist". Sinngemäß sagte er einmal: "Wenn mich einer fragt, wie alt ich bin, kann ich sagen, dass ich 19xx geboren wurden und deshalb xx Jahre alt bin. (Also, ich der Schreiberling bin 1969 geboren und deshalb nun 50 Jahre alt.) Wenn mich aber einer fragt, wie das Universum entstanden ist, kann ich sagen, ui, da gibt es unterschiedliche Theorien. Manche behaupten, dass Universum sei dadurch entstanden, dass alle vorhandene Masse in einem unglaublich kleinen Punkt explodiert ist, sie nennen das den Urknall, und sich seit dem immer weiter ausdehnt. Andere wiederum behaupten, dass es einen Gott gab / gibt, der alles innerhalb von einer Woche erschaffen hat.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Fragestellungen ist der, dass ich erstere Frage recht objektiv beantworten kann. Die zweite Frage kann ich nicht beantworten, sondern ich kann mir aussuchen, was ich eher glauben will. Das bedeutet schon ein ganzes Stück Freiheit. Aber freuen Sie sich nicht zu früh. Freiheit bedeutet auch immer "Verantwortung". Denn immer wenn ich auswähle, trage ich auch die Konsequenzen meiner Wahl.
Ein anderes banales Beispiel ( auch von Heinz von Foerster): Wenn ich von meinem Freund wissen möchte, wie der neue Star Wars Film ist, und er antwortet mir etwas, ... dann weiss ich im Grunde nichts Objektives über diesen Film, aber viel über meinen Freund. Da ich meinen Freund recht gut einschätzen kann, und auch weiss, dass wir auf dieselben Filme stehen, weiss ich auch, dass mir dieser wahrscheinlich gut gefallen wird, wenn er meinem Freund gefallen hat (krass langer Satz). Wir haben es aber nicht mit objektiven Informationen zu tun.
Daraus folgt, dass es keine Objektivität gibt! Wie Umberto Maturana es ausdrückt: Es gibt nur Objektivität in Anführungsstrichen. Alles ist fast irgendwie "nur " Geschmacksache, mit dem einen Unterschied, dass ich die Verantwortung für meinen "Geschmack" übernehme(n) (muss).
Medien, aber auch Politiker, dürfen dies aber nicht so ausdrücken, unabhängig davon, ob sie diesen Unterschied respektieren. Warum? Weil kaum jemand von uns jemanden glauben / wählen würde, der sagt, "ich glaube" mein Weg ist der Richtige. Wir wählen unsere Informationsquellen danach aus, die uns die "Wahrheit" sagen, damit wir das subjektive Gefühl der Gewissheit haben. Oft kommt dazu, dass wir über diese vermeintliche Wahrheit, über diese vermeintliche Objektivität auch die Verantwortung abgeben können. Denn wenn etwas nicht gut läuft, können wir sagen: "Aber ich habe dir doch vertraut!" - und du hast mich enttäuscht. Wir sind dann selber nicht schuldig. Und Schuld scheint für uns Deutsche ein besonderes Thema zu sein.
Aus diesen simplen Zusammenhängen resultieren etliche medienwirksame Strategien. Aber die können wir erst nachvollziehen, wenn wir uns noch andere psychologische Erkenntnisse bewusst machen: Sogenannte "Informationen" haben ein medienwirksames Haltbarkeitsdatum von ca. 6 Wochen, bevor wir Konsumenten die Geduld mit einem bestimmten Thema verlieren. Das heisst ganz pragmatisch, dass Verantwortungsträger Vorwürfe konsequent verleugnen werden, immer. Und wenn deren Beteiligung an ein Missgeschick Stück für Stück immer mehr nachgewiesen wird, räumen diese auch nur Stück für Stück die eigene Mitverantwortung ein. Mit großer Wahrscheinlichkeit erreiche ich durch diese Verleugnung schon diese magischen 6 Wochen Empörungs- und Aufmerksamkeitsspanne für dieses Thema, bis es die Menschen / Medien nicht mehr wirklich interessiert.
Menschen, weil sie keinen Bock mehr drauf haben, und Medien, weil sie dann nicht mehr genug Geld mit der Schlagzeile verdienen. Nur so läßt sich erklären, warum wir nichts mehr vom Berliner Flughafen hören, von der erzwungenen Abschaltung der Atomkraftwerke nach Fokushima, der Spendenaffäre der CDU und Schäuble, dass Sigmar Gabriel (SPD) an Cum-Ex Geschäften beteiligt war und dass ein Donald Trump im Grunde wirklich jede Lüge erzählen darf, die er will, weil sich Wochen später, sowieso niemand mehr dafür interessiert.
Und die Medien? Müssen auf der einen Seite überleben und auf der anderen Seite, ihren Gewinn steigern, wie jedes andere Wirtschaftsunternehmen. Und deshalb versorgen sie uns mit den Schlagzeilen, mit denen sie ihren Gewinn maximieren, und damit ihr Überleben sichern, und hören wieder auf damit, wenn "wir" voraussichtlich die Lust an eben diesen Themen verlieren.
Aber in der Breite profitieren meist die "Marktschreier" davon, weil sie durch dieses System die ökonomischste Aufmerksamkeit bekommen. Und das sind die Populisten. Und, das ist jetzt ganz subjektiv, beherrschen die Rechten dieses Metier relativ gut. Nun, in der Opposition kann man den "Mund deutlich voller nehmen". Konsequenz ist jedoch, dass allgemein Vertrauen in Medien und Politik geringer wird, was die Marktschreier dazu motiviert, noch lauter zu schreien, als bisher. Nazijargon wird dann wieder akzeptierter und die Spirale geht in dieselbe Richtung weiter.
Eine andere Auswirkungen dieser Subjektivität der Medien ist die, dass bestimmte Gruppierungen diese leichter als "Lügenpresse" deklarieren können, weil sie eben nicht "objektiv die Wahrheit sagen, schreiben, veröffentlichen".
Aber langfristig und "Nachhaltig" sind dies selbstverständlich Strategien, die uns nicht zu einem guten Ort führen.