interaktionen

ein kleiner Blog über alles mögliche


Hart(z) 4 und mathematische Algorithmen

Die "Passauer Neue Presse" berichtet, dass nach Einführung vom Mindestlohn (€ 8,50) hunderttausende Arbeitnehmer zusätzlich auf Leistungen nach Hartz 4 angewiesen wären. Sie berufen sich dabei auf Zahlen der Agentur für Arbeit. Diese Informationen stellen schon ein Meisterstück der modernen Mathematik dar. Solche Sachverhalte kann man lediglich eruieren, indem man Mathematiker bei der NSA abwirbt, die sich hervorragend mit Suchalgorithmen auskennen.

Ich gehöre selbstverständlich nicht zu dieser wissenschaftlichen Elite. Darum kann ich mich in meinen Berechnungen nur mit ungefähren Zahlen auseinandersetzen und werde auch großzügig runden:

  • € 8,50 x 40 Stunden (pro Woche) x 4 Wochen (pro Monat) = € 1360,-

Eine beeindruckende Summe, vor allem, wenn man diese pi mal Daumen in DM ausdrückt (2720,-). Hätten Sie nicht gerne vor 20 Jahren so viel Geld verdient? Und ein Hartz-4-Empfänger? Exemplarisch nehmen wir einmal einen allein lebenden Mann:

  • rund € 400,- jeden Monat, wobei dessen Mieten schon bezahlt ist, sowie ein Teil der Nebenkosten und von der GEZ befreit

Nun gut: Die obige Summe des Mindestlohnes ist selbstverständlich eine Bruttoangabe; wir wollen ja nicht träumen. Nehmen wir doch einfach mal an, dass ihm von den € 1360,- ca. € 1000,- übrig bleiben, was ja immer noch eine stolze monatliche Summe ist. Natürlich muss er davon auch Miete bezahlen, Nebenkosten, Telefon, einen PKW unterhalten, Internetzugang ... Aber dieser Mann sollte sich nicht so haben. Er hat schließlich Arbeit, ganz im Gegensatz zu 5 bis 6 Millionen Menschen. Er gehört also schon fast zur Elite des Landes, oder?

Und da mittlerweile so ziemlich alle Lebensbereiche der sozialen Marktwirtschaft unterworfen werden, muss man auch schon mal bereit sein, für Arbeit zu bezahlen. Von nichts kommt nichts. Außerdem hat dieser Vollzeitluxusbeschäftigte auch noch enormes Sparpotenzial, vor allem bei seinen Nebenkosten. Entsprechende Tipps sind für jedermann frei bei Thilo Sarrazin verfügbar. Da geht also noch was, wobei Essen in der Regel auch überbewertet wird. 2009 oder 2010 erklärte uns Hans-Werner Sinn in irgendeiner intellektuellen Diskussionsrunde im Fernsehen (gibt es sowas überhaupt?), womit solche Lohnberechnungen zu begründen seien, und das ist für alle erstrebenswert:

€ 4,- Stundenlohn seien für manche Arbeitnehmer noch zu viel; € 3,- seien für viele Tätigkeiten angemessen – denn mehr würden diese Personen mit ihrer Arbeit auch nicht erwirtschaften.

Und dann möchte sich tatsächlich noch irgendein Mensch über obigen Mindestlohn aufregen? Diese Menschen bekommen weitaus mehr Geld, als sie jemals erwirtschaften können! Aber mal Ernst beiseite: Angenommen wir würden über die Entlohnung einer bestimmten Arbeit unsere Wertschätzung für diese Tätigkeit zum Ausdruck bringen wollen, was natürlich völlig utopisch ist. Ich meine jetzt Sie persönlich lieber unbekannter Leser. Also Menge des Geldes = Höhe der Wertschätzung für den entsprechenden Beruf. Wie viel würden Sie bezahlen, für

  • eine Klofrau?
  • eine Krankenschwester?
  • eine Altenpflegerin?
  • einer Bankerin?
  • einer Politikerin?
  • eine Lehrerin?
  • einer Erzieherin?

Als der Mindestlohn von linken Gemütern aufgebracht wurde, stellte man sie dafür an den Pranger. Oskar Lafontaine wurde wegen solcher und ähnlicher Ideen gar einmal als gefährlichster Mann Europas gehandelt. Und nun hat der Mindestlohn sich auf halbherzige Weise etabliert. Ein bekannter Kabarettist sagte einmal: "Ich brauche keine Arbeit, ich brauche Geld. Beschäftigen kann ich mich alleine." Dass insgesamt genügend Geld vorhanden ist, jedoch paradox verteilt ist und wird, weiß man spätestens seit der Finanzkrise. Vielleicht ist es ja wirklich an der Zeit für ein bedingungslosen Grundeinkommen. Man darf schon gespannt sein, in welch halbherziger Weise dies dann umgesetzt werden wird.

Vorheriger Artikel: Sibylle Lewitscharoff und ihre SprachspieleNächster Artikel: Möglichkeit und Eigenschaft

Kommentare