interaktionen

ein kleiner Blog über alles mögliche


Einheit, Dualität und Paradoxie

22Im Spielfilm „Next“ mit Nicolas Cage erzählt der Hauptdarsteller einen Witz: „Was bestellt ein Zen-Meister in der Baguetteria? – Eins mit Allem!“ Ein schönes Beispiel dafür, dass wir Sprache nicht nur benutzen, sondern förmlich in ihr sind. Dabei sind wir zwar durch Regeln begrenzt, können jedoch durch Verletzung ebendieser die Möglichkeiten fast unbegrenzt erweitern. Natürlich ist für uns nicht alles umsetzbar, was grundsätzlich mit Sprache ausgedrückt werden kann: Eine Wand etwa mögen wir durchaus als durchlässig beschreiben, hindurchgehen können wir indes nicht. Unsere Sprache lässt also deutlich mehr zu, als uns die sogenannte Realität gestattet. Dadurch kann es zu interessanten Paradoxien und Widersprüchen kommen.

Tagtäglich sind wir einer Vielzahl von Dualitäten, ja Dichotomien ausgesetzt. Dualitäten bergen enorme Energie. Elektrische Spannung beispielsweise entsteht durch Unterschiede, durch Elektronenmangel oder -überfluss. Motivation resultiert aus Ist-Soll-Diskrepanzen, gleiches gilt für Probleme. Und Wetter bildet sich aus der Dynamik von Hoch und Tief. Es ist eine Binsenweisheit, dass es ohne Licht keinen Schatten geben kann und ohne das Böse nicht das Gute (oder umgekehrt?). Dennoch können die meisten Dualitäten nur existieren, weil sie durch Sprache erschaffen werden – und dies im Sinne von „Verletzungen“ der Russellschen Typenlehre. [Bertrand Russel prägte die nach ihm benannte "Russelsche Antinomie" in der Mengenlehre: Eine Menge kann nicht gleichzeitig Element von sich selbst sein, sonst kommt zur Paradoxie.] Toleranz und Intoleranz – die meisten werden kaum abstreiten, dass Toleranz, z. B. gegenüber Andersdenkenden, eine wichtige Eigenschaft, wenn nicht sogar erstrebenswert ist. Aber würde tolerant zu sein auch bedeuten, der Intoleranz gegenüber tolerant zu sein? Wie sieht es mit der Demokratie aus? Demokratie bedeutet „Herrschaft des Volkes“. Begrifflich gesehen an sich schon paradox , aber das soll nicht mein Thema sein. Was ist, wenn sich die Mehrzahl eines Volkes per Abstimmung eine Diktatur wünscht? Und weiter – wenn sich genau 51 % der Wähler etwas wünschen (also wählen), bleibt die Hälfte der Gesellschaft (der Wähler) unberücksichtigt. Gut und Böse – ist das Gute auch dem Bösen gegenüber gut? Oder das Böse sich selber böse? Per Definition sollte es dies wohl sein. Was mich schon als Kind zu dem Schluss brachte, dass das sogenannte Gute gar nicht gegen das Böse gewinnen könnte, mich aber nicht dazu bewegt hat, ein böser Mensch zu werden. Zumindest nicht böser als der Durchschnittsegomane. Zu was diese Erkenntnis bei mir jedoch geführt hat, ist, solch eine Kategorisierung von vornherein zu unterlassen. Ich bin aus dem Spiel ausgestiegen (frei nach Eric Berne). Aber was ist, wenn wir uns einmal dem „Eins mit Allem“ zuwenden? In nicht wenigen therapeutischen und auch philosophischen Theorien geht es um die Überwindung der Gegensätze, häufig durch Integration selbiger. Da das Ganze grundsätzlich mehr und anders ist als die Summe seiner Teile, sollte etwas ganz Anderes dabei herauskommen, wenn das Gute und das Böse integriert würden. Und was ist dieses Neue dann? Logischerweise dürfte es weder als Gut noch als Böse bezeichnet werden. Und finde ich für dieses „neu“ Entstandene ein Gegenteil, um anschließend beides wieder ineinander zu integrieren? Dialektik nennt man dieses Denken – und es hatte einmal immensen Einfluss. Ein Gegenteil lässt sich sprachlich immer finden. Varga von Kibed etwa nutzt gewisse Teile altindischer Logik in seiner Aufstellungsarbeit und bezieht sich dabei auf Nagarjuna, einen buddhistischen Weisen aus der Mahayana-Richtung: Angenommen, etwas Bestimmtes (A) existiert und dass es folglich auch dessen Gegenteil geben muss (Nicht-A). Dann muss automatisch etwas existieren, das sowohl A als auch Nicht-A ist und somit etwas, das weder A noch Nicht-A ist. Zuletzt können wir noch all diese Positionen selber verneinen und die gerade ausgesprochene Verneinung negieren. In einer Aufstellung nach von Kibed könnten diese Positionen dann wie folgt bezeichnet werden: Das Eine, das Andere, beides, keines von beiden, all dies nicht und selbst das nicht. Natürlich gibt es diese Dualitäten überhaupt nicht. Sie sind lediglich konstruktive Möglichkeiten unserer Sprache. Und da wir ja in der Sprache sind, haben sie solch einen Einfluss. Sprache ist unsere wesentliche Realität. Hinzu kommt, dass Sprache nicht nur davon lebt, was mit ihr ausgedrückt wird, sondern wesentlich davon, was nicht ausgedrückt wird (Nagarjuna). Deshalb kann einem Politiker so ein Satz wie „Der Afghanistaneinsatz ist alternativlos“ aus diesem Hohlraum zwischen dessen Ohren fallen. „Alternativlos“ ist ein Wort, das einen Zusammenhang beschreibt, den es nicht gibt. Oder fällt Ihnen etwas ein, das wirklich alternativlos wäre? Vielleicht wenn Sie ohne Fallschirm mit 260 km/h gen Erdboden rasen, ist das zu erwartende Aufschlagen alternativlos. Ihr Tod jedoch nicht unbedingt (wenn auch sehr wahrscheinlich), wie im Guinessbuch der Rekorde nachzulesen ist [Die Fallgeschwindigkeit eines Gegenstandes hängt von der Höhe ab, aus welche dieser Gegenstand abgeworfen wird und der Erdanziehungskraft G=9,81m/s^2. Jedoch wird der Windwiderstand bei steigender Geschwindigkeit immer größer, welcher die Geschwindigkeit wiederum bremst]. Immer, wenn jemand alternativlos sagt, hält derjenige wichtige Informationen zurück und die Frage, die zu stellen wäre, lautet: Welche sind die zu erwartenden Gewinne oder Verluste, je nach dem, ob ich z. B. für oder gegen den Afghanistaneinsatz entscheide. Doch machen wir uns nichts vor. Eine Frau Merkel (die hier nur als Variable anzusehen ist) sagt uns mit dem Wort alternativlos: Schweig, Bürger, wir machen das sowieso. „Einheit und Dualität“ sind selbst solch eine Dualität. Wir brauchen Dualitäten. Sie sind Generatoren für Energie. Wir brauchen sie, um uns zu bewegen und um uns zu entwickeln. Dualitäten können durch Integration nie ganz aufgelöst werden. Jedoch gilt es zu überlegen, wann sie hilfreich sind und wann sie zu Desinformation und Zerstörung führen. Paradoxien dagegen sind Messinstrumente. Sie zeigen uns an, wann Sprache und Wirklichkeit nicht mehr zusammenpassen (aber leider nicht, warum). Durch unsere Unfähigkeit, Realität objektiv wahrzunehmen, müssen wir das Behelfsmittel der Paradoxien (und auch der Dualitäten) zu Rate ziehen, um feststellen, ob sich eine Abweichung zeigt oder sich uns ein Hindernis in den Weg stellt (Stichwort Echolot). Für eine Bewertung jedoch sind Dualitäten völlig ungeeignet. Ganz im Gegenteil: Als Werte erschaffen sie Leid und Tod. Denn Formulierungen wie „die Achse des Bösen“, „die Schurkenstaaten“, und überhaupt „all die Anderen“ definieren mich selber als „gut“. Und das ist sehr gefährlich.

Kategorien

    Vorheriger Artikel: Coaching als Mittel zur Teamentwicklung!Nächster Artikel: NLP - Was ist dran? Was ist drin?

    Kommentare