Revision zu: Corona-Maßnahmen – oder: Das Scheitern der Kontroll-Hybris

Den ursprünglichen Artikel von Heiko Kleve findet Ihr hier: https://www.carl-auer.de/magazin/komplexe/corona-massnahmen-oder-das-scheitern-der-kontroll-hybris

Heiko Kleve beginnt zunächst mit einigen „Grundlagen“ systemischer Betrachtungsweisen, denen ich auch gar nicht widersprechen möchte.

Komplexe Systeme, in denen Menschen mit ihren biologischen, psychischen und sozialen Aspekten einbezogen sind, lassen sich nicht determinieren, also nicht im Sinne des klassischen Ursache-/Wirkungsdenkens gestalten. 

Diese These nun wendet Heiko Kleve exklusiv auf den Umgang mit dem Corona-Virus an, dessen Dynamik so komplex sei, dass es „vermessen“ und „überheblich“ (Hybris) ist, planvoll gegen den Virus angehen zu wollen. Nein er spricht hier nicht direkt von Virus, sondern von Systemen, in dem sich dieses Virus bewegt. Diese Komplexität zeichnet sich dadurch aus, dass es zu viele Faktoren gebe, um einen einzigen herausfiltern und isolieren zu können. Meines Erachtens haben wir es bei der Pandemie jedoch mit einem Aspekt zu tun, den wir sehr wohl isolieren können: Das Virus, welches für uns recht gut messbar ist. Die Auswirkungen des Virus auf die Gesellschaft sind sicherlich zu komplex. Heike Kleve macht hier diesen Unterschied aber leider nicht.

Verwirrend ist für mich jedoch seine Unterscheidung von „Bio – Psycho – Sozial“. Im Grunde spricht auch nichts gegen diese Unterscheidung, sind hier doch die drei großen Bereiche unseres Daseins angesprochen. Vielleicht ist es ja auch etwas speziell mir selbst Inhärentes, da ich beruflich viel mit der sogenannten Psychiatrie zu tun habe und dort schreibt man sich diese drei Wörter auch auf die Etiketten.

Was mir bei dieser Unterscheidung fehlt ist, dass es sich systemisch gesehen um willkürliche Zuschreibungen handelt. Natürlich können diese sinnvoll in der Beschreibung von Systemen sein, sie bleiben jedoch willkürlich und dies sollte erwähnt und in solche Analysen mit einbezogen werden. Immerhin gehen Systemiker davon aus, dass der Beobachter auch Teil des Systems ist, welches er beobachtet.

Hier liegt der große Vorteil und die große Stärke systemischen Denkens: Dass willkürlich verschiedene Aspekte von Systemen „getrennt“ werden, um zu neuen Einsichten zu gelangen, um Doppelbeschreibungen zu liefern, ich mir aber stets darüber bewusst bleibe, dass es sich um willkürliche Trennungen handelt. Noch schöner wäre, wenn ich dann ganze andere Aspekte ebendieser Systeme willkürlich voneinander trenne, um die daraus folgenden Aspekte, den vorherigen gegenüberzustellen. Jetzt erst würden wir Unterschiede produzieren, die einen Unterschied machen.

Die Corona-Pandemie ist augenscheinlich ein solch komplexer Prozess, der biologische, psychische und soziale Systeme betrifft … [] … Aber Gesundheit darf hier nicht nur rein bio-medizinisch, nicht ausschließlich körperlich verstanden werden, …

Ich stimme dieser Bewertung von Heiko Kleve durchaus zu. Jedoch stellt er dies im Artikel als ein Spezifikum der Corona-Pandemie, bzw. des medialen Umgangs damit dar. Ich sehe dies als ein medizinisches Problem genereller Art. Leidet nicht unser medizinisches Modell an der Tatsache, dass Menschen zunehmend wie defekte Maschinen angesehen werden? Bei Vorliegen von Krankheiten werden häufig nur die angenommen Stellräder der Gesundheit gedreht: Medikamente, medizinische Eingriffe. Manche dienen der angenommenen Ursache-Bekämpfung und manche dienen der Symptombehandlung. Häufig funktionieren diese Strategien recht gut. Bei einem einfachen Beinbruch ist dieses Modell extrem erfolgreich. Bei einem Magengeschwür ist die reine Symptombekämpfung eigentlich nicht mehr ausreichend. Hier gehört mehr dazu: Lebenswandel, Ernährung, Stress, Glücklichkeit… und wie gehe ich mit diesen um?

in der wir ein respiratorisches Virus nicht nur beobachten, permanent durch Schnell- und PCR-Tests in seinem Vorkommen auf menschlichen Schleimhäuten scannen und die Ergebnisse davon medial kommunizieren. … [] … nämlich als laufender Versuch, komplexe bio-psycho-soziale Prozesse in einer Weise zu manipulieren, die immer wieder scheitert.

Und ich frage mich, was denn die Alternativen wären. Es ist stets ein Problem von Beobachtungen, dass wir verstärken, was wir da beobachten. Energy flows, where attention goes. Man darf durchaus unterschiedlicher Meinung darüber sein, wie gefährlich dieses Virus ist. Unterschiedliche Einschätzungen gibt es und werden auch medial kommuniziert; ungeachtet dessen, dass es einen Mainstream gibt, der tendenziell einseitig berichtet. Aber auch Letzteres ist wieder kein Corona-Spezifikum, sondern schon immer gesellschaftlich-mediales Problem gewesen.

Dass hier die „Manipulation bio-psycho-sozialer Prozesse“ immer wieder scheitert ist jedoch vor allem eine Frage, was mit solcher Manipulation erzeugt werden sollte. Das Wort Manipulation kann nicht ohne eine „ihm“ unterstellte Absicht Bedeutung gewinnen. Aus Heiko Kleves von mir interpretierter Haltung / Einstellung / Zielsetzung muss man diese Manipulationen leider als Erfolg ansehen, zumindest was seine latente Kritik an den Medien angeht.

Ein Scheitern in Bezug auf die Bekämpfung des Virus kann ich hier nicht nachvollziehen. Dafür müssten wir einen Vergleich haben, wie sich die Pandemie entwickelt hätte, ohne all unsere Maßnahmen.

Nehmen wir als Beispiel das Tragen von Masken. Ich habe von jeher nicht verstehen können, dass dies von manchen als soziale Einschränkung dargestellt wird. In asiatischen Ländern ist es schon Jahre gang und gäbe, in bestimmten Situationen solche Masken zu tragen: Während der Grippewellen, in engen Räumen (Zug, Flugzeug).

Mit der Virus-Beobachtung wird eine Wirklichkeit konstruiert, die allererst aus dieser Beobachtung resultiert. Denn die Häufigkeit der Messung bedingt die Anzahl der gemessenen Infektionen. Interessant ist, dass von diesen so genannten Infektionen nur ca. die Hälfte mit Symptomen einhergeht. Wenn wir aber ein positives Testergebnis erhalten, dann beeinflusst dies unsere eigene Beobachtung auf unsere körperliche Konstitution. Wenn wir etwa nach einem solchen Test mit Angst reagieren, dann schwächt dies die natürliche Immunabwehr und befeuert möglicherweise die Krankheit, für deren Entdeckung und Linderung wir diesen Test eigentlich gemacht haben.

Mit jeder Beobachtung wird Wirklichkeit konstruiert. Und dass die Häufigkeit von Messungen die Anzahl dessen bedingt, was da gemessen werden soll, ist ein redundanter Satz, der überflüssig ist. Mich ärgert an dieser Stelle, dass der Großteil von Heiko Kleves Text den Eindruck vermittelt, aus einer (systemischen) Metaperspektive zu argumentieren, und an dieser Stelle auf einmal die Behauptung getätigt wird, nur die Hälfte dieser sogenannten Infektionen gehe mit Symptomen einher. Mir persönlich fällt es hier sehr schwer, dem Autor nicht populistische Tendenzen zu unterstellen. Vor allem wird hier erkenntnistheoretisch nicht sauber unterschiedenen.

Er spricht von „so genannten“ Infektionen und intendiert damit möglichweise, dass es sich nicht wirklich (bei allen) um eine Infektion handelt. Dabei reden wir hier von einem durch Testung festgestellten Befall mit dem Corona-Virus. Jenseits der Testgenauigkeiten bin ich hier infiziert oder nicht. Sollte ich nun Symptome bekommen, kann ich natürlich darüber diskutieren, ob diese durch meine Corona Infektion kommen, ob ich mir parallel eine Grippe zugezogen habe, oder ob mein Immunsystem lediglich auf Angst reagiert.

Diese Behauptung, nur die Hälfte aller Infektionen gehe mit Symptomen einher, ist leider selbst wieder eine Verletzung seiner eigenen Argumentationslinie: er nimmt ein Beispiel aus einer rein somatisch orientierten Denkweise, aber viel schlimmer, er stellt diese Behauptung einfach nur in den Raum, ohne diese angemessen und verständlich zu belegen und zu erklären. Dies erinnert mich stark an die anfänglichen Diskussionen darüber, dass doch „nur“ genauso viel Menschen an Corona sterben, wie an der Grippe. Seinerzeit wurde schon nicht differenziert, dass man mit der Grippestatistik aus 2018 verglich und heute dennoch nicht nachträgt, dass wir innerhalb eines Jahres deutlich mehr „Corona-Tote“ hatten. Auch wurde bei Corona der Genauigkeit wegen verlangt, von „in Zusammenhang mit dem Coronavirus“ Verstorbenen zu sprechen. Bei den „Grippe-Toten“ verlangt dies bis heute keiner.

Dass emotionale Zustände Auswirkungen auf unser Immunsystem haben, kann natürlich nicht bezweifelt werden. Aber dass Angst sich grundsätzlich negativ auf dieses auswirken solle, ist mir persönlich zu kurz gegriffen. Große Ängste, die in mir viel Energie binden, die in mir einen Bewusstseinsfokus erzeugen, der sehr negativ geprägt ist, lassen möglicherweise mein Immunsystem nicht effektiv arbeiten. Aber Kleve argumentiert hier wieder einmal einseitig und seine eigenen Prämissen verletzend. „Meine“ (unsere) Immunsysteme sind systemisch gesehen eben nicht einseitig manipulierbar. Eine Formel, ala „positiv getestet = Angst = schlechte Immunabwehr“, funktioniert so nicht. Darüber hinaus ist man sich doch vor allem in den systemischen Denkweise bewusst darüber, dass es nicht die mediale Information ist, die Angst auslöst. Dies wären einseitig mögliche Instruktionen. Nein, wie ich persönlich darauf reagiere, bestimmt den Inhalt der Information.

Unser Leben ist jedoch sozial, mithin grundsätzlich auf andere Menschen bezogen, auf Nähe und Vertrauen gebaut. Nun jedoch ist das bestimmende Merkmal sozialer Beziehungen Angst und Misstrauen geworden. Erst der negative Test offenbart, dass ein anderer Mensch „ungefährlich“ ist.

Evolutionär sorgt Angst auch dafür, dass ich mich dem gefährlichen Tier nicht nähere, oder gar weglaufe, falls sich diese Gelegenheit noch ergibt. Und dies kann als Strategie gegen das Virus, gegen Gefahren allgemein, grundsätzlich sinnvoll sein. Ich kann in Quarantäne sein, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, andere nicht anzustecken. Dies ist nicht Ausdruck von Angst, sondern eine soziale Eigenschaft, die Angehörige meiner Sippe schützt. Wieder wird hier komplexitätsreduzierend generalisiert: „… das bestimmende Merkmal sozialer Beziehungen [sei] Angst und Misstrauen“ geworden. Ganz so, als ob dies in „Stein gemeißelt“ bei uns allen und bei jedem so wäre. Ich schließe nicht aus, dass dies bei einem Teil der Bevölkerung immer wieder auch so ist, aber hier hört es sich so an, als sei dies bei uns allen so.

Aus einer komplexitätstheoretischen Perspektive sind all diese Versuche, ein respiratorisches Virus zu besiegen, das sich über die Luft verbreitet und permanent mutiert, also seine Gestalt wandelt, zum Scheitern verurteilt. … Der Weg aus der Krise sollte daher zunächst sein, sich einzugestehen, dass wir mit einem respiratorischen Virus nicht kämpfen können, keinen Krieg führen können. Denn dieser ist bereits verloren, wenn er als Sieg die Ausmerzung des Virus anvisiert.

Ja, dieses Virus scheint ständig zu mutieren, aber wandelt es dadurch auch seine Gestalt? Wir verändern uns alle permanent. Auch wieder so eine „Wahrheit“ des systemischen Denkens. Ich verändere mich ständig, um als Reaktion auf eine sich verändernde Umwelt einigermaßen der Gleiche zu bleiben. War das nicht Homöostase oder so? Ja das Virus verändert sich ständig. Würde es dies nicht tun, gäbe es das Virus schon nicht mehr. Heiko Kleve stellt dies wieder als ein Spezifikum des Corona-Virus dar. Dabei bleibt bei all der Mutationen doch eine Grundstruktur des Virus gleich, so dass unsere Impfungen stets zu einem gewissen Grade erfolgreich bleiben können.

Systemisch gesehen kann es sinnvoll sein, gegen etwas „zu kämpfen“, was nicht bekämpfbar ist. „So-tun-als-ob“ Strategien nennt man das und diese können zu unerwarteten Ergebnissen führen, ebenso wie imaginäre Zahlen. Ich bezweifle vielmehr, ob sich sprachliche Metaphern wie „Kampf“ hier eignen. Diese, meines Erachtens unangebrachte Metapher, eignet sich ausschließlich medial, um Schlagzeilen zu verkaufen. Die meisten Interviews mit „Experten“, die ich bisher sah, drückten gar nicht aus, das Virus ausmerzen zu wollen / können. Meist wurde das Ziel formuliert, zu einem Stand zu kommen, der dem des Grippevirus ähnelt. Vielleicht habe ich hier nur einseitig meine Quellen gefiltert, Heike Kleve hat dies sicherlich so getan, wenn er diese Aussage tätigt.

Auch Hygienemaßnahmen und Impfungen können dazu gehören, aber in differenzierter und abgewogener Weise, jedoch nicht als fabrikmäßige Maßnahmen, die Menschen wie (wenig komplexe) Maschinen behandeln.

Nachher ist man immer schlauer und in der Nachbetrachtung der letzten beiden Pandemiejahre kann man sicherlich sehr viel Kritik äußern. Kritik, die man über alle Facetten der biologischen, psychologischen und sozialen Ebenen ziehen kann.

Gerade zu Beginn der Pandemie gab es nicht wenige Forscher, die sich viel mehr Tests über die breite Bevölkerung gewünscht hätten. Ziel wäre eine genauere Beschreibung der Ausbreitungsdynamiken gewesen. Wer weiss, was damit gewonnen gewesen wäre.

Diverse Politiker und ein Wirtschaftssystem, welche sich an der Pandemie bereichern konnten, haben vielleicht ähnlich viel Schaden angerichtet, wie das Virus selbst. Auswirkungen vor allem auf die soziale Dynamik, Vertrauen in Politik und Maßnahmen, sind möglicherweise eklatant beschädigt.

Lockdowns die man mehr regional ansetzt, dort wo das Pandemiegeschehen sehr ausgeprägt ist / war, anstatt ein ganzes Land zu zumachen.

Die Rechte an einer Impfung für wirtschaftliche Zwecke zu begrenzen, anstatt diese international, und vor allem an ärmere Länder, freizugeben, sind nicht nur Ausdruck einer asozialen Haltung, sondern im Hinblick auf Pandemiebekämpfung schlimmer als dumm.

Unser Pflegesystem nicht zu stärken, die Mitarbeitenden dort nicht endlich durch angemessene Löhne und vernünftige Arbeitsbedingungen zu motivieren, hatte wahrscheinlich direkten Einfluss auf Sterbezahlen von Patienten.

Informationen rund um die Pandemie nicht ausreichend komplexitätswürdigend in den Medien zu bearbeiten, hat wohl ebenso Auswirkungen auf Ansteckung und Symptome: erzeugte es doch eher eine Spaltung in der Gesellschaft; machte die Corona-Leugner größer, als notwendig.

Wie weit können wir diese Aufzählung erweitern? Alles Aspekte einer ausgewogenen bio-psycho-sozialen Denkweise, bzw. Berücksichtigung dieser vielfältigen Aspekte. Hier gehe ich wohl mit Heiko Kleve konform, dass diese drei Ebenen nicht ausreichend berücksichtigt werden. Aber diese Aspekte zählt Kleve nicht auf. Vielleicht ungewollt befeuert er meines Erachtens durch seine einseitige Argumentation Corona-Leugner.

Aber das sind meine Worte und es bestimmt bekannterweise stets der Empfänger den Inhalt einer Information. Und auch dieser kleine Artikel ist kaum mehr als Meinung. Beziehe ich mich als Autor auch als Beobachter ein, der in der Beobachtung eigene Ziele und Wünsche hat? Ja: ich halte einen Großteil der Maßnahmen, Abstandsgebote, Masken, Impfungen für sinnvoll und zieldienlich, um die Auswirkungen des Corona-Virus kleinstmöglich zu halten. Unter diesem Filter habe ich auch diesen Artikel geschrieben. Eine Vielzahl von Wissenschaftlern wird mir zustimmen; eine Vielzahl von Wissenschaftlern nicht!

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