Überlegungen zu Körper und Geist

Immer wieder fällt der Name René Descartes, wenn man über die Spaltung von Körper und Geist diskutiert. Er war es angeblich, der für diese Spaltung, welche so tief in unseren Glaubenssystemen verwurzelt ist, verantwortlich zeichnet. Ich befürchte, auch ich werde die Paradoxien zu und das Verständnis von Körper und Geist nicht auflösen oder klären können, möchte aber einige Gedankengänge und Konsequenzen dazu aufzeigen.

Zunächst zwei mögliche entgegengesetzte Auffassungen als Ausgangspunkte der folgenden Ideen:

  1. Materialismus: Geist ist ausschließlich die Konsequenz neurophysiologischer Aktivitäten
  2. Metaphysik: Geist ist etwas ganz Eigenständiges, wenn auch nicht ganz unabhängig von körperlichen Aktivitäten 

Fangen wir mit Punkt 1 an. Eine solche, materialistische Auffassung ist deutlich unkomplizierter zu handhaben als die zweitgenannte. Wir, d. h. unsere Hirnforscher, verstehen das Gehirn zwar nicht vollständig, aber es wird dennoch davon ausgegangen, dass das, was wir als Bewusstsein und/oder Geist definieren, das Ergebnis der komplexen neuronalen Aktivitäten unseres Nervensystems ist. Stirbt das Gehirn, stirbt auch der Geist. Um die Spiritualität zu retten, könnte man noch zwischen Geist und Seele unterscheiden, und dann würde vielleicht auch ein religiös geprägter Wissenschaftler diese Form von Materialismus anerkennen.

Diese Auffassung vom Verhältnis zwischen Körper und Geist kommt der aktuellen Struktur unseres wissenschaftlichen Systems sehr entgegen. Viele Konsequenzen der zweiteren Auffassung können einfach unberücksichtigt bleiben und spielen keine Rolle mehr. Der Geist wird ganz klar dem Körper „unterworfen“, indem er von eben diesem Körper abhängig ist, aber nicht umgekehrt. Religiöse oder spirituelle Kategorien müssen fast gar nicht mehr mit einbezogen werden. Komplexitätsreduktion war schon immer ein wichtiger Filter in der wissenschaftlichen Forschung.

Eine eher metaphysische Auffassung ist weitaus komplexer und führt zu vielen Anschlussfragen; vor allem solchen, die zurzeit kaum beantwortbar wären. Einfach ausgedrückt könnte man sagen, die zweite Auffassung geht davon aus, dass unser Körper eine Art Gefäß für den Geist ist. Beide sind grundsätzlich getrennt voneinander, jedoch für den Lebenszyklus eines Körpers miteinander verbunden. Diese Denkweise ist Grundlage vieler spiritueller und religiöser Richtungen: Der Gedanke der Wiedergeburt im indischen Hinduismus zum Beispiel. Der Geist (oder die Seele?) wandert von Leben zu Leben und von einem Körper in den nächsten. Solange, bis diese Seele genug Reife entwickelt hat, um das Nirvana zu erreichen. Aber auch in den monotheistischen Religionen geht man letztendlich davon aus, dass wir nach unserem Tod in den Himmel oder die Hölle kommen können. Und das in der Regel ohne Körper.

Wahrscheinlich bauen auch die meisten esoterischen Denkarten auf die Spaltung von Körper und Geist auf. OOBE – Out of body experience! Mein Geist verlässt meinen Körper, um auf Wanderschaft zu gehen. Manche glauben, dass während des Träumens der Geist den Körper verlässt.

Für Wissenschaftler sind dies eher unbequeme Hypothesen. Stellen sich doch aus diesem Denkmodell resultierend mehrere unbeantwortbare Fragen:

  • Aus welche „Stoff“ ist der Geist? Eine Frage, die sich ausschließlich aus einem exklusivem Materialismus ergibt.
  • Welcher Art ist die „Kopplung“ zwischen Körper und Geist?
  • In welche Dimension mag diese geistige Welt „eingerollt“ sein? Ich gebe zu, dies ist wohl eher eine Frage für Stringtheoretiker.
  • Könnten zwei Individuen je ihre Geister vertauschen?
  • und und

So manch „richtiger“ Esoteriker macht es sich da beizeiten noch einfacher, als ein Mensch der Wissenschaften. Dann wird der materiellen Welt meist eine ganz anders geartete „geistige“, und eben in materialistischen Kategorien nicht begreifbare Welt, gegenüber gestellt. Hier passt der Witz vom Betrunkenen, welcher um eine Straßenlaterne herum kriecht. Darauf angesprochen, was er da mache antwortet er, er suche seinen Schlüssel. Auf die Frage, wo er diesen denn verloren hätte, zeigt er in eine ganz andere Richtung. Warum er dies tue? Weil er weiter hinten doch nichts sehen könne, da sei kein Licht.

Eine nicht-materialistische Sichtweise anzuerkennen, stellt einen Wissenschaftler vor große Probleme: Kann sich dieser kein Experiment ausdenken, um eine Hypothese zu falsifizieren, kann er sich schlichtweg damit nicht auseinandersetzen. Deshalb wurde das System der Empirie erfunden. Die vermuteten „Ursachen“ bleiben dann induktiv. Rupert Sheldrake versuchte dies mit seinen sogenannten „Morphogenetischen Feldern“, und blieb dennoch Materialist, weil er letztendlich wieder die Ursache in einem „Stoff“, einem Material suchte. Und auch die Kosmologen praktizieren diese Vorgehensweise, indem sie eine „Dunkle Materie“ aufgrund gravitativer Auswirkungen vermuten.

Eine mögliche Lösung dieses Dilemmas?

Gregory BatesonGregory Bateson versuchte sich auch an diesem Thema und kam dabei zu interessante(re)n Lösungen. Er stellte den „trennenden“ Descart’schen Begriffen „Geist und Körper“, die (integrierenden) Jung’schen Begriffe Pleroma und Creatura entgegen. Pleroma als unbelebter Teil, z.B. ein Stein, und Creatura als belebter Teil der Natur. Dies sind nun zwei unterschiedliche Seiten derselben Münze, damit jedoch untrennbar Eines.

In wie fern mag dies eine Lösung darstellen?

Bateson hielt sowohl den Materialismus, als auch die Metaphysik für Glaubenshaltungen, die beide einer direkten Beweisbarkeit entbehren. Um sich je für eine von beiden Glaubensrichtungen entscheiden zu können, müßte so etwas wie Objektivität vorausgesetzt werden. Objektivität, verstanden als eine vom Beobachter unabhängige beobachtbare Welt. Also die Möglichkeit einer Erkenntnismöglichkeit der „Dinge an sich“. Für ihn war dies tatsächlich ein Glaubenssatz, dass man die Dinge so schauen könnte, wie sie aussähen, wenn sie nicht geschaut würden. Manch Leser mag sich hier zurecht an Kant erinnert fühlen. Für ihn (Bateson) war dies „ein Fehler im Denken“ (an sich). Wer so „objektiv“ denken möchte, gehe von der grundsätzlichen Getrenntheit aller Dinge aus, aber vor allem der eigenen Getrenntheit von der Natur.

Bateson ging von der grundsätzlichen Verbundenheit aller Dinge aus. Er sprach von der „systemischen Natur der Dinge“; das alles (irgendeinen) Einfluss aufeinander hat. Damit wird „Geist“ nicht mehr in einer Person verortet, sondern als Ergebnis von Wechselwirkungen aller zum Ganzen führenden Teile (innerhalb eines Individuums, als auch eigebettet in seine Umwelt – Kontext). Als Beispiel möge hier die sogenannte Chaostheorie herhalten (Butterflyeffect). Diese Haltung führte ihn schon in den Sechzigern zu Warnungen vor ökologischen Katastrophen.

„Das Lebewesen, das im Kampf gegen seine Umwelt siegt, zerstört sich selbst.“ (Aus Ökologie des Geistes) [Denn schließlich ist dieses Lebewesen Teil dieser Umwelt.]

Aus dieser Denkweise heraus wird die Frage nach Körper und Geist obsolet.  Für ihn war „Geist“ eben jene systemische Natur der Welt als Ganzes! (Das Ganze ist mehr und anders als die Summe seiner Teile!) Die Übersetzung seines Wortes „mind“ in das deutsche „Geist“ war da sicherlich nicht verständnisfördernd. Und er ging noch deutlich weiter: Dieser Geist, der aus den komplexen in Wechselbeziehung und Rückkopplungsschleifen bestehenden Einzelteile entsteht,  ist sozusagen eine Abstraktionsebene höher, als eine angenommene Dichotomie von Körper und Geist. In solchen zirkulär aufgebauten Systemen ist eine eindeutige Zuschreibung von Ursache und Wirkung unmöglich, bzw. grundsätzlich willkürlich. Sie wird von einem Beobachter „gesetzt“, der selber Teil des Systems ist, welches er da beobachtet.

Nun: an dieser Stelle sind Materialisten und Metaphysiker gleichermaßen beleidigt. Dabei bleibt beiden jedoch ihr „Hintertürchen“. Materialisten können fast genauso weitermachen, wie sie es bisher taten. Ihre Vorgehensweisen erbrachten uns zweifelsohne Fortschritt (Pragmatismus). Metaphysiker auf der anderen Seite gehen doch meist sowieso von der Verbundenheit aller Dinge aus. Sie können erstmals wirkliche Metaphysiker werden. Denn sie müssen sich nicht mehr dem Materialismus freiwillig unterordnen, indem sie ein quasimaterielles Medium für den Geist annehmen (müssen).

Bleibt am Ende nur noch der Witz des Kabarettisten Vince Ebert:

“Wenn ich zum Beispiel vermute, ‚im Kühlschrank könnte noch Bier sein‘ und ich gucke nach, dann betreibe ich im Prinzip schon eine Vorform von Wissenschaft. Großer Unterschied zur Theologie: Da werden Vermutungen in der Regel nicht überprüft. Wenn ich also nur behaupte, ‚im Kühlschrank ist Bier‘, bin ich Theologe. Wenn ich nachschaue, bin ich Wissenschaftler. Wenn ich nachsehe, nichts finde und trotzdem behaupte, es ist Bier drin – dann bin ich Esoteriker!”

Ebert offenbart sich jenseits des Humors als reiner Materialist. Ungeklärt bleibt, wie er selber wohl Humor materialistisch zu erklären vermag.

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