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Eine andere Gesellschaft ist (un-)möglich: Kommentar

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Meines Erachtens hatte diese Krise vor allem dafür gesorgt, den Fokus der Aufmerksamkeit, zumindest für einige Momente, auf die wirklich fragilen Konstruktionen von Gesellschaft, Markt und Organisation zu lenken. Wir sehen so zum Beispiel im Bildungsbereich die Auswirkungen vor allem auf diejenigen, die ohnehin schon durch geringeres Einkommen und möglicherweise niedrigeren Bildungsabschlüssen gebeutelt waren.

Bitte beachten Sie die Anmerkungen am Ende dieses Artikels!

Wir sehen die vielen Mittelständler und Soloselbständigen, die in der Vergangenheit zwar immer wieder als Argument gegen eine höhere Besteuerung von Unternehmen herangezogen wurden, jedoch in der Krise kaum aufgefangen wurden. Wir sehen die Gefahren einer Gesundheitspolitik, die immer mehr Steffen Roth’s Markt unterworfen wurden, aber genau deswegen nicht der erwarteten Überlast von Coronapatienten gewachsen gewesen wären. Wir sahen (nicht?) die Auswirkungen auf die Familien behinderter Kindern und deren Betreuungssituationen, während ausschließlich über Schulen diskutiert wurde. Wir sehen jetzt sehr konkret die mangelnde Umsetzung, bzw. fehlgeleitete Diskussion rund um das Thema Digitalisierung. Und und und.

Fritz Simons Hoffnung auf eine “passendere Balance zwischen staatlicher Politik bzw. demokratischer Entscheidungsfindung und der marktwirtschaftlichen Finanzierungslogik gesellschaftlicher Aufgaben” erscheint mir hier als einzig wichtige Diskussion, angesichts der schon ewig vorhandenen immer extremer werdenden “Schere” zwischen Arm und Reich.

Luhmanns Vorsicht vor allzu konkreten Interventionsvorschlägen und Bateson Widerwillen gegen ebendiese können meines Erachtens keine Argumente gegen mehr staatliche Regelungen sein. Vor allem Bateson ging davon aus, dass die systemische Natur der Dinge zu komplex sei, um sie durchschauen zu können. Gerade hier besteht doch die immense Stärke systemischer Denkweisen darin, sich zunächst mal dieser Komplexität überhaupt bewusst zu sein.

Wie Roth darüber zu diskutieren, dass “der Markt kein System, sondern eine Umwelt sei”, erscheint mir wie eine näher zu belegende willkürliche Zuschreibung und sollte als solche immer definiert werden. Wie will man unterscheiden was für wen oder was Umwelt ist. Auch ich bin Umwelt und ich habe eine Umwelt. Allein diese Unterscheidung ist schon ein Konstrukt; hat Bateson sich nicht in letzter Konsequenz einen Hollisten genannt? Größte sinnvolle Unterscheidung mag hier sicherlich sein, dass unser gescholtener Planet wiederum Umwelt für alles andere auf ihm agierend ist. Dies wurde in dieser Krise deutlich vernachlässigt.

So gesehen kann man gar nicht behaupten, dass “es sich beim Markt um die Umwelt nicht nur <<der Wirtschaft>> sondern aller Entscheidungssysteme handelt.” (Steffen Roth) Nach Von Foerster gibt es entscheidbare und unentscheidbare Fragen. Für die unentscheidbaren können wir uns selber aussuchen, was wir entscheiden wollen und befinden uns hier dann beim Thema Werte. Ich bin nicht der Meinung, dass wenn es Werte gibt, es nichts zu entscheiden gibt. Kann ich systemisch gesehen nicht erwarten, mit einer Intervention ein konkretes Ergebnis zu provozieren, so kann ich möglicherweise wertegeleitet die Hoffnung haben, zumindest eine erwünschte Richtung anzupeilen und Werte könnten ganz unsystemisch vielleicht demokratisch erarbeitet werden. Sie passen in, und sind schon teilweise in unserem Grundgesetz verortet und können rahmenbildend sein, bzw. als Messinstrumente dienen. Somit wären Werte nach meiner Auffassung Richtungen und keine Ziele.

In was für einer Gesellschaft wollen wir zukünftig leben, wäre die notwendige Frage als Folge dieser Krise gewesen. Wir können leider jetzt schon sehen, dass diese Chance wohl verpasst ist.

Furchtbar finde ich dementsprechend die Behauptung, Gemeinwohlorientierung würde sich aus Staatsperspektive vornehmlich in Steuereinnahmen bemessen. Wie wäre es mit einer verpflichtenden Gemeinwohlökonomie, die sich sowieso aus dem Grundgesetz ableiten ließe, und die eben nicht nur Steuergelder meint, sondern ethisches Handeln, Einzahlungen in Sozialversicherungssysteme, Mitbestimmung von Mitarbeitern, Finanzierung sozialer Projekte, nicht eigenzweckgebundene Forschung etc., also Werte!

Aber machen wir uns nichts vor: Jegliche Gedanken solcher “Einschränkungen” von Wirtschaft oder Markt werden schnell als Wunsch, Verhältnisse wie in der DDR haben zu wollen, so wie ich es auch teilweise in der Argumentation des Steffen Roth angedeutet empfinde, propagiert. Ich würde hier sogar von einem systemischen Wirtschaftsliberalismus sprechen. Ja ich weiss, ich bin ein links sozialisierter, entschuldigt bitte!

“Aus all dem würde eigentlich folgen, dass sich auch der Staat als ausgesprochen mächtige Organisation als eine Alternative unter vielen beobachtet. Tatsächlich ist aktuell aber eher das Gegenteil der Fall. Statt strategisch mit Multifunktionalität zu arbeiten träumt sich der Staat per Gesetz, Verordnung oder Zukunftsprogramm eine Welt herbei, in der sich alle Organisationen in kleine Kopien seiner selbst verwandeln.”  (Steffen Roth) – Ich sehe den Staat aber als real nahezu ohnmächtig im Angesicht von global agierenden Unternehmen, die teils über deutlich mehr Kapital verfügen, als eben dieser Staat; oder vom Aufwand der Lobby Unternehmen ausgehend weiss man, dass Unternehmen nur Geld investieren, wenn am Ende eine deutliche Wertschöpfung dabei heraus kommt. Hier scheinen konkrete Interventionen, entgegen der landläufigen systemischen Denke, doch oft zu konkreten Ergebnisse zu führen.

“Vor diesem Hintergrund wird einmal mehr deutlich: Eine andere Gesellschaft wird möglich,…“ (Steffen Roth), wenn “die Menschen” endlich einen kulturellen Reifegrad erreichen, so dass extreme Steuerungen von Institutionen überflüssig werden. Eine andere Gesellschaft wird möglich, wenn Staaten (hoffentlich “vernünftig” handeln) einen Einfluss gegenüber überbordender Kapitalmacht privater Unternehmen bekommen. Bis dies nicht geschehen ist, darf der Markt nicht in dieser Radikalität so frei sein, wie er es aktuell ist. Ich halte es für zutiefst zynisch davon auszugehen, dass “der Staat” das Marktspiel gruppenegoistisch beherrschen will, da ich vom Gegenteil ausgehe.

Anmerkungen: In einem meiner Lieblings Blogs wird seit Wochen interessant über diverse gesellschaftliche Theorien im Zusammenhang mit der aktuellen Corona Krise geschrieben. Zu einem dieser Beiträge – https://www.carl-auer.de/magazin/das-anhalten-der-welt/eine-andere-gesellschaft-ist-un-moglich – kommentiere ich nun. Ich habe der Kommentar ist auch für die verständlich, die nicht den verlinkten Artikel lesen mögen.

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